Arbeitsfassung vom 17.4.04
 Die Frage der Zertifizierung

Schon jetzt gibt es etliche Bildungsabschlüsse, die nicht in einer korrekten Prüfung erworben worden sind. Sogar bei staatlichen Prüfungen wie dem Abitur sind von früher und aus jüngster Vergangenheit Einzelfälle bekannt, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Bei Hochschuldiplomen,  Promotionen und Habilitationen gibt es einen schwunghaften Handel, auf den Besitzer einer Emailadresse immer wieder hingewiesen werden ("Academic-Qualifications from NON–ACCR. Universities. No exams. No classes. No books. Call to register and get yours in days", ...) .

Beim Übergang zu e-Testing muß mit einer Zunahme von Fälschungen gerechnet werden. Vorab müssen daher Vorkehrungen getroffen werden, Betrug zu erschweren.

1. Nach den Forderungen des Dortmunder Manifests muß der Aufgabenvorrat, aus dem die Prüfungsfragen ausgewählt werden, so groß sein, daß Auswendiglernen praktisch ausgeschlossen ist.

Bei einer mündlichen Prüfung, die der Verfasser im Jahr 1961 in Brasilien abgelegt hat, wurde aus einer Lostrommel eine von 24 Fragen gezogen. Versierten Teilnehmern waren diese 24 Fragen natürlich im Voraus bekannt; man konnte sich gezielt darauf vorbereiten. Bei der Zufallsauswahl aus einer größeren Zahl von Fragen müßte die Vorbereitung so umfassend sein, daß das Ziel - der Nachweis einer Qualifikation - ohnehin erreicht ist. In welchem Umfang Auswendiglernen Verständnis vortäuschen kann, kann man gelegentlich im Kontakt mit erfolgreichen TOEFL-Absolventen aus dem fernen Osten erleben, die trotz hoher Punktzahl beim TOEFL weder mündliche noch schriftliche Kommunikationsfähigkeit in Englisch zeigen.

2. Wenn e-Prüfungen bei Bewerbungen eingereicht werden, muß klar sein, daß der Bewerber gegebenenfalls eine neue Auswahl aus den Prüfungsaufgaben im Rahmen der Bewerbungszeremonie vor Ort neu bearbeiten muß.

3. Für die Abnahme von Massenprüfungen gibt es einfache Wege, bei denen man für die Ergebnisübermittlung PDA oder Notebook im WLAN oder ohne nennenswerten Zusatzaufwand Mobiltelephone benützt. Prüfungen für bis zu 1 000 Kandidaten gleichzeitig, auch für verschiedene Prüfungen, sind kein grundsätzliches Problem mehr. Auch die zugehörigen Investitionen in die Technik bleiben in einem vernünftigen Rahmen, weil nicht neu entwickelt sondern nur vorhandene Technik adaptiert wird.

Die technische Ausstattung , die bereits an einigen Orten für "interaktive Vorlesungen" benützt wird ("Die Uni Mannheim beispielsweise setzt gerade im Grundstudium verstärkt auf E-Learning-Elemente - Vorzeigeprojekt ist die Interaktive Vorlesung.", zitiert nach Manuskript der Sendung "Universität im Computer?", SWR2, 14.4.04 8.30 Uhr),  könnte hier auch sinnvoll eingesetzt werden.

So wie die Nutzung in der im vorigen Abschnitt genannten Sendung beschrieben wurde, zeigt es eines der vielen Beispiele, wie man moderne Technik  in mangelhafter Struktur einsetzt ("O-Ton" ... "Also, es ist eher Enttäuschung da, weil der Professor sieht ja nicht, was wir für ein Feedback geben, sondern erst dann im Nachhinein. Und im Endeffekt läuft jede Vorlesung schon seit sieben Wochen identisch ab; und da ist bis jetzt auch keine Verbesserung vom Professor aus zu sehen.", aus der gleichen SWR2-Sendung). Mit mehr Aufwand wurde auch dieser Einsatz schon vor 40 Jahren erfolglos erprobt. Auch Hochschullehrer haben oft nicht die Betrachtungsdistanz, die für eine unvoreingenommene Betrachtung der eigenen Handlungen erforderlich wäre, und sie sind nicht immer bereit, sich mit den Erfahrungen früherer Jahrzehnte auseinanderzusetzen.

4. Einzelprüfungen oder Prüfungen für kleine Teilnehmerzahlen werden heute schon in Rechnerräumen von Volkshochschulen abgenommen. Dieser Weg ist ausbaufähig, zumal bei Prüfungen nach dem Dortmunder Manifest die bisher bei Prüfungen erforderliche Gleichzeitigkeit nicht mehr zwingend ist.

So wenig wie bei den heute üblichen Prüfungen kann man Betrug mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Wie bereits ausgeführt, ist dies aber auch nicht nötig, weil man in kürzester Zeit die aktuelle Qualifikation auszugsweise überprüfen kann. Auch den juristischen Problemen, die man sich mit den beschriebenen Verfahren einhandeln kann, kann man durch geeignete Vorkehrungen begegnen.