Arbeitsfassung vom 15.4.04
SWR2 berichtet über die "Universität im Computer"

Kommentar: 25 Mio € in den Sand gesetzt

Warum?

„Universität im Computer? - Eine Zwischenbilanz zum ‚E-Learning’“

Autorin und Sprecherin: Ulrike Till, Redaktion: Sonja Striegl
Sendung: Mittwoch, 14. April 2004, 8.30 Uhr, SWR2, einen Mitschnitt kann man bestellen über  hschneider@lmz-bw.de

Wo bleibt die Nachhaltigkeit?
Lehren aus der Vergangenheit

Wo bleibt die Nachhaltigkeit?

Das Land Baden-Württemberg hat in den vergangenen 5 Jahren insgesamt 25 Millionen € in Ansätze zur virtuellen Hochschule investiert. SWR2 liefert in der Sendung eine neutrale Bilanz dessen, was übrig geblieben ist.

Der Autor dieses Kommentars (Fritz Nestle) vergleicht mit der Entwicklung in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts und stellt fest: Die Dummheiten von damals und die damit verbundenen Illusionen wurden mit ungleich größerem Aufwand wiederholt; der wesentliche Fortschritt bekommt keine Chance.

Alle Beteiligten haben mit viel Liebe und Engagement die Gelegenheit benützt, ein Steckenpferd zu reiten. Um ein robustes Transportsystem zu entwickeln, fehlten Wille oder Vorstellung.

Die Nutzung der Steckenpferde hat nach einem kurzen Boom wieder abgenommen. Das Gästebuch des Teilprojekts 2.2 von www.vib-bw.de
enthält am 15.4.04
- einen Eintrag aus dem Jahr 2004 ("Liebe Grüße"),
- einen Eintrag aus dem Jahr 2003 (Mißbrauch für Werbung) und
- weitere Einträge aus früheren Jahren.

Etwas besser sieht es bei Teilprojekt 2.1 aus. Da findet man einen Hinweis auf Planungen für das Sommersemester 2004. Die Struktur des Angebots enthält freilich nichts, was die Aufteilung auf mehrere Hochschulen zwingend nötig machen würde, und der Vorteil der viruellen Komponenten wird nicht ausgeschöpft. 2 Ebenen tiefer sieht man jedoch auch hier, wie der Elan abgenommen hat

März 2000   Vortrag auf der GDM-Tagung Potsdam
März 2001  Lehrerfortbildung GDM-Tagung Ludwigsburg Vortrag / WebQuest
Dezember 2001  Fortbildung Multiplikatoren Stadthagen
März 2002  Lehrerfortbildung Stadthagen / Hildesheim
Juli 2002  Get connected Fortbildung für Hochschulangehörige PH Ludwigsburg

Das ist dann auch schon das Ende; entweder ist nur die Pflege versäumt worden und es handelt sich um eine von Millionen Informationsruinen im Web, oder das Interesse hat an dieser Stelle aufgehört.

Auch die Hauptseite der baden-württembergischen Initiative leidet unter dem Auslaufen des Projekts. Sehen Sie selbst nach unter
http://www.virtuelle-hochschule.de

Der Autor konnte sich am 14.4.04 zwar als Experte anmelden (das Paßwort war schneller da, als er auf Email umschalten konnte; wie lang die "Prüfung" der Experteneigenschaft dauert und was das Ergebnis ist, wird zu gegebener Zeit hier nachgetragen), aber die Termine sind im Gegensatz zu früheren Jahren bescheiden. Für das 2. Quartal 2004
finden sich am 14.4.04 nur zwei Eintragungen für nationalen und internationalen Kongresstourismus
- Donnerstag, 29.04.2004 ff Symposium "Weiter entfesseln..., axica Kongress- und Tagungszentrum, Parisr Platz 3, Berlin

Dienstag, 25.05.2004 2004 Information Resources Management Association International Conference, Hershey, PA 17033, USA
Hinweis: Leider sind die Seiten der virtuellen Hochschule so programmiert, daß auf sie nicht unmittelbar verknüpft werden kann. Man muß sich durchklicken.



Lehren aus der Vergangenheit

Gehen wir ein paar Jahre zurück: Vor 40 Jahren waren es Fernsehen und audiovisuelle Medien, von deren Anwendung im Bildungsbereich auch der Autor geträumt hat. Heute sind es die viel größeren Möglichkeiten des Computers, die so sehr zum Schwärmen bringen, daß der Kontakt zum Boden leicht verloren geht.

Von den damaligen Projekten zeigen zwei Nachhaltigkeit:
- Das Telekolleg
- Die Fernuni.

Diese beiden Projekte des "direct teaching" unterscheiden sich vom damals sonst weit verbreiteten enrichment-Ansatz dadurch, daß man beim Lernen in diesen Systemen staatliche Bildungsabschlüsse erwerben konnte. Liegt vielleicht in der Möglichkeit, Berechtigungen zu erwerben, das Geheimnis der Langlebigkeit? Gilt  "Im Zweifelsfall bestimmt nicht das, was gelehrt, sondern das, was geprüft wird, das Lernen." ?

Dass es nicht auf die erworbenen Qualifikationen sondern vielmehr auf die erhaltenen Berechtigungen ankommt, bestimmt die Alltagserfahrung von Schülern und Studenten. Wenn Lehrer oder Dozent sich auf e-Learningsangebote einlassen, wissen die Opfer der Bildungsbemühungen, dass sie über das Lernen am Computer positive Rückmeldungen geben müssen, damit sie ihren Schein bekommen. Externes e-Testing scheuen viele Lehrende und Lernende wie die Pest. Die Lehrenden
würden das bequeme Monopol zur Bewertung von Studienleistungen aus der Hand geben und die damit verbundenen Manipulationsmöglichkeiten verlieren. Die Lernenden wissen, daß solidarische Leistungsverweigerung nicht mehr mit einer Senkung der Anforderungen beantwortet würde, weil andernfalls der Lehrende im Zeitalter der Evaluation der Lehre Konsequenzen fürchten müßte. Das führt zu der paradoxen Sitation, daß Schüler mit den vom Lehrplan vorgegebenen Abschlußkenntnissen der Klasse 10 in Hochschulprüfungen für Anfangssemester konkrete Erfolgschancen hätten.

In diesem Zustand liegt - nach der begründeten Überzeugung des Autors - der wahre Grund für die langen Bildungszeiten.

Abhilfe wäre leicht möglich und würde allein in Baden-Württemberg einige hundert Millionen € im Jahr sparen. Zwischen dem 2. Grundschuljahr und dem 6. Studiensemester wird überwiegend Standard gelehrt und gelernt, der einer objektiven Erfassung zugänglich ist. Die jeweiligen Anforderungen in vielfacher Parallelarbeit von den Lehrenden in handwerklicher Arbeit zu erzeugen, ist in höchstem Maß unwirtschaftlich. Dem Augenschein nach ist das den in der oben genannten Sendung interviewten Lehrkräften nicht bewußt.

Wir brauchen auch im Bildungsbereich eine neue Mentalität. Der normale gesunde Mensch kauft seine Schuhe im Schuhgeschäft. Nur der Krüpel und manche Politiker brauchen Einzelanfertigungen. Es gibt sicher Einzelfälle, in denen konkrete öffentlich zugängliche Bildungsstandards nicht das richtige Maß darstellen. Im Regelfall ist es möglich, die Bildungsstandards so aufzubereiten, daß sie jederzeit per Internet abrufbar sind. Dies zeigen Beispiele aus

Grundschule
Klasse 10 (KMK)
Klasse 10 (Pisa)
(in Kürze kann auch auf Beispiele aus dem Hoschschulbereich verknüpft werden)

Wie man schnell ein weites Feld von Anforderungen abdecken kann, zeigt das Dortmunder Manifest.

Was das deutsche Institut für Normung vor bald hundert Jahren im Bereich der Technik (Schrauben, Papierformate, ...) geschafft hat, ist im Zeitalter des Internets ein Leichtes für den Bildungsbereich. Schwierig ist es, von jahrhundertealten Denkgewohnheiten wegzukommen. Der Satz "Lernen ohne Lehrer ist nicht möglich" ist so falsch wie die Vorstellung, daß Schuhe vom Schuhmacher angemessen werden müssen. Bis heute haben Jugendliche ihre Computerkenntnisse nur zu eienem ganz geringen Teil aus der Schule; sie haben diese - im sozialen Kontakt mit Gleichaltrigen - selbst erworben. Das war möglich, weil der Computer freigiebig mit Rückmeldungen über den Erfolg ist.

Solange wir die Ziele der Bildung nicht in überprüfbarer Form offen legen, das heißt, so lange wir nicht schwerpunktmäßig Angebote für das e-Testing entwickeln, bleibt e-Learning eine Spielerei. Das ist auch in der oben genannten Sendung zum Ausdruck gekommen.