Startseite Inhalt KMK-Standards BMBF Was sind Bildungsstandards

 

1. Entwurf 10.3.03
Letzte Ergänzung 3.11.2003
Überlegungen zu Bildungsstandards

 
Warum Bildungsstandards nützlich sind
      Diskussion
Wer scheinbar von Bildungsstandards keinen Nutzen hat
      Diskussion

Gibt es Bildungsstandards
      Diskussion
Evaluation von Bildungsstandards
      Diskussion

Wie realisiert man Bildungsstandards  -  Beispiele
     Diskussion

Wer Zugang zu Bildungsstandards haben soll und nicht haben darf
      Diskussion

Lehrer und Bildungsstandards
      Diskussion

Darf der Zugang etwas kosten?
     Diskussion

Wie man den Zugang zu Bildungsstandards organisieren könnte
      Diskussion
Könnte man mit Bildungsstandards Geld verdienen - oder Geld sparen?
      Diskussion

Wie sich Lernen zukunftsorientiert verändern kann, wenn es Bildungsstandards gibt
     Diskussion

Unter Diskussion ist jeweils Gelegenheit für Ihre Beiträge zum Thema


 


Warum Bildungsstandards nützlich sind

Früher waren Maße eine sehr individuelle Angelegenheit.  Längen wurden zum Beispiel in "Fuß", in "Ellen" oder in "Ruten" gemessen. Die Länge des Fußes oder der Elle selber ließ viel Raum für Willkür und Betrug. Ein wichtiges Ergebnis der französischen Revolution vor mehr als 200 Jahren war die Einführung des Metermaßes als vierzigmillionster Teil des Erdumfangs. Mit diesem "Standard" sind Längenangaben eine sichere Sache geworden. Der Standard ist seither weit über die Bedürfnisse der Praxis hinaus präzisiert worden. Für wissenschaftliche Anwendungen braucht man diese Genauigkeit; im Alltag reichen wenige Stellen.

Heute ist für uns selbstverständlich, daß wir uns beim Einkauf auf Standards verlassen können. Wir kaufen eine 230 V-Glühbirne, eine CD, 45 Liter Kraftstoff,  ... . Wir vertrauen darauf, daß wir die Glühbirne in unsere Lampe einschrauben können und die Spannung stimmt, daß wir die CD in unseren Spieler einlegen und damit Musik hören können, daß der Kraftstoff im Auto in Fortbewegung umgesetzt werden kann. Diese Standards ermöglichen den überindividuellen Austausch.

Bildungsstandards werden bisher in Deutschland kaum angewendet. Die geschichtliche Entwicklung hat in Schule und Hochschule ein System entstehen lassen, das zwar nicht auf  Maßangaben verzichtet; diese - die Noten - sind jedoch ohne jede Aussagekraft beim Vergleich der Kompetenz verschiedener Individuen. Die Noten entstehen durch eine Reihe von Willkürentscheidungen, beginnend mit der Aufgabenstellung über die Korrektur bis zur Umrechnung in eine Note. Ein Beispiel, das diese Aussage illustriert, finden Sie hier beziehungsweise hier .

DIE ZEIT Nr. 45 vom 31. Oktober 2002 zitiert den Vorstandschef der Allianz Lebensversicherung Rupprecht "Es gibt Abiturienten, die können nicht mal Prozentrechnen". Das hätte ihm der Autor schon vor fast 40 Jahren sagen können (War damals nicht alles besser?). Schlimmer ist, daß die Vorschläge zur Verbesserung dieses Zustands - eigene und fremde (ein Beispiel unter vielen) l- 40 Jahre lang ignoriert worden sind. Wären definierte Kenntnisse in Prozentrechnen Teil eines Bildungsstandards, hätten neue Wege zum Lernen schon früher eine Chance erhalten.

 

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Wer scheinbar von Bildungsstandards keinen Nutzen hat

Kinder, Eltern, Lehrer, Schulverwaltung und die Gesellschaft im Allgemeinen sind vom Bildungsprozeß in unterschiedlicher Weise betroffen. Alle Beteiligten haben sich mit dem derzeitigen System der Noten, das bis auf Ausnahmen keine Bildungsstandards kennt, über Jahrzehnte weg arrangiert. Der Ruf nach Bildungsstandards ist bisher vernachlässigbar. Alibi-Aktionismus einzelner Kultusministerien nach PISA ändert bisher nichts an dieser Aussage. 

Zwischenzeitlich ist eine umfangreiche Studie erschienen:
Bulmahn, KMK (Wolff), DIPF, Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards
http://www. dipf.de/aktuelles/expertise_bildungsstandards.pdf
Ein Teilsektor des Problembereichs wird darin sorgfältig analysiert. Die Verbindung zur zeitgemäßen Organisation von Lernen fehlt. Deshalb stehen die folgenden Darlegungen zum Teil im Widerspruch zu dieser Expertise. 

Am ehesten würden sich Teile der Abnehmer der "Produkte" des Bildungssystems, das heißt, die Wirtschaft, dafür interessieren. Dieser Bereich macht einige Male im Jahr eine kurze Schlagzeile, wenn wieder einmal eine Industrie- und Handelskammer oder eine ähnliche Einrichtung herausgefunden hat, wie mangelhaft die Kenntnisse der Schulabgänger in Deutsch, Kopfrechnen oder allgemeiner Bildung sind.

Für alle anderen erscheinen Bildungsstandards entbehrlich. Wichtig sind nicht die in der Bildungseinrichtung erworbenen Kompetenzen, wichtig scheint allein die Note. Über gute Noten freuen sich Kinder und Eltern, Lehrern und der Schulverwaltung ersparen sie Ärger. Das hat über die Jahre weg dazu geführt, daß die Notendurchschnitte immer besser geworden sind. In manchen Hochschulfachrichtungen (auch in "harten" Fächern wie zum Beispiel der Physik) sind Noten unter 2 selten geworden. In vielen Fächern liegen die Durchschnittsnoten der Abschlussprüfungen über 1,5. 

In der Schule haben zahlreiche Erlasse dazu geführt, daß die Lehrer am besten mit den anderen Beteiligten klar kommen, wenn sie die Durchschnitte irgendwo zwischen 2 und 3 legen und dabei die Notenskala nicht ausschöpfen. Die Noten 1, 5 und 6 provozieren häufig Scherereien. Solange die Noten innerhalb einer Klasse frei manipulierbar sind, gehen viele den Weg des geringsten Widerstands und beschränken sich fast ausschließlich auf die Noten 2, 3 und 4. Es kann nicht oft genug betont werden, daß Noten und die Fähigkeiten der Benoteten oft nichts miteinander zu tun haben.
(Seit Freitag, den 27.3.03 akzeptiert dies auch die KMK - PISA E)

Das System hat zweifellos Vorteile:

  • Schwache Lehrer können ihre mangelhafte Arbeit durch gute Noten kaschieren.
  • Eltern freuen sich über die guten Noten und fragen nicht nach den Kompetenzen, die die Schule ihren Kindern vermittelt hat.
  • Der Schulverwaltung bleibt es erspart, schwache Lehrer durch eine Nachqualifikation kompetenter zu machen oder sich von ihnen zu trennen.
Auf der Strecke bleibt das kognitive und emotionale Potential der Kinder. Ihre Kompetenz wird nicht entwickelt und fehlt den Kindern und der Gesellschaft

Zusammenfassend können wir festhalten: 
 

Objektive, klassenübergreifende Maßstäbe stören das System.

Die schlechten TIMSS- und PISA-Ergebnisse sind eine Folge dieses Systems, 
- das sich an Noten und nicht an Standards orientiert, 
- das die Intelligenz der Kinder nicht für die Selbstorganisation des Lernens fruchtbar macht,
- das "Lehren" nach fast steinzeitlichen Methoden nicht sanktioniert, sondern belohnt.

 Welche Kräfte durch selbstorganisiertes Lernen entwickelt und freigesetzt werden können, lesen Sie hier.

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Gibt es Bildungsstandards?

Die Bildung eines Menschen läßt sich nicht so einfach überprüfen wie eine Längenangabe. Bildung entsteht über die Vernetzung zahlreicher einzelner Komponenten.  Diese können schwerpunktmäßig vorhanden sein, so daß man von literarischer Bildung, musischer Bildung, naturwissenschaftlicher Bildung, ... spricht. Ein Mensch kann eine umfassende literarische Bildung besitzen und trotzdem nichts vom elektrischen Strom verstehen. Ein naturwissenschaftlich gebildeter Mensch hat unter Umständen keine Ahnung von der Lyrik der Ingeborg Bachmann.

Die Fiktion des umfassend gebildeten Menschen wurde im vergangenen Jahrhundert noch von vielen aufrecht erhalten. Mit der Verlängerung von Schul- und Studienzeiten glaubte man, der Vermehrung des Wissens Rechnung tragen zu können, und hat dabei großzügig übersehen, daß die Lernkapazität des einzelnen begrenzt ist. Der Zunahme des Vergessens wegen können Lernergebnisse auch durch eine unbegrenzte Verlängerung der Lernzeit kaum vergrößert werden (Siehe auch hier). Die Fiktion ist also tot, auch wenn das noch nicht allgemein akzeptiert ist. Das wichtigste Ziel in einer Informationsgesellschaft, die Entwicklung der Lernfähigkeit, spielt kaum eine Rolle.

Bildungsstandards können grundsätzlich nur Teilaspekte des Konstrukts Bildung repräsentieren. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Seite als auch für die formale Seite.

Am einfachsten können Wissensstandards formuliert werden. Der Name des Autors des Blechtrommel oder die Schreibfigur für das Malzeichen in der Mathematik sind bekannt oder unbekannt. Das Abfragen dieses Wissens in automatisierter Form ist problemlos.

Standards für Fertigkeiten aufzustellen ist gleichfalls einfach. Sie bleiben wie Wissensfragen auf dem Niveau Reiz-Reaktion. Die 2. Person Plural Indikativ Präsenz eines schwach konjugierten deutschen Verbs wird nach einer klaren Regel gebildet; entsprechend einfach ist die Regel zur Berechnung der Hypotenusenlänge eines rechtwinkligen Dreiecks aus den Kathetenlängen. Beides ist leicht abfragbar. Hier erhält man durch Vorgabe von Listen Klassen von fachlich gleichwertigen Aufgaben mit (fast) beliebig vielen Elementen als Basis für einen Standard (Beispiel eines Standards) Die Frage kann jeweils richtig beantwortet werden oder gar nicht.

Etwas mühsamer zu erstellen sind Standards für Fragen der Interpretation oder der Bewertung, jedoch kann man auch hier auf langjährige Vorarbeiten zurückgreifen. Mit Auswahlantworten des Typs x aus n können beliebig schwierige Aufgaben für diese Bereiche gebildet werden. Die Bearbeitung führt auch in diesem Fall auf ein eindeutiges Ergebnis: kompetent oder nicht kompetent.  Eine Einschränkung muß hier genannt werden: Die Notwendigkeit kognitiver Komponenten kann leicht festgestellt werden; der Nachweis, daß diese auch hinreichend sind, kann im Regelfall nicht erbracht werden.
 

Durch Zufallsauswahl aus Klassen inhaltlich gleichwertiger Aufgaben können Bildungsstandards in überprüfbarer Form zusammengestellt werden.

 Bildungsstandard ist also ein anderes Wort für Bildungstest oder kurz Test. Da der Begriff Test vielfach negativ belegt ist und Einseitigkeit suggeriert, ist das Wort Bildungsstandard eine glückliche Neubildung.

 

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Evaluation von Bildungsstandards

Die Aussagekraft von Bildungsstandards muß durch Evaluation gesichert werden. Von der Art der Evaluation hängt es ab, ob ein Bildungsstandard zweckmäßig und praktisch nutzbar ist.

Vielfach wird eine Pseudowissenschaftlichkeit der Evaluation vorgetäuscht, indem man mathematisch orientierte Verfahren zur Aufgabenanalyse definiert ohne zu prüfen, ob die Struktur des mathematischen Modells das Problem angemessen abbildet.

Psychologen evaluieren beispielsweise mit statischen Verfahren, durch die alle Aufgaben aussortiert werden, die von fast allen oder von kaum jemand "richtig " bearbeitet werden. Die Verfahren sind im Klassiker Lienert (Testaufbau und Testanalyse) umfassend dargestellt. Der Unsinn der Anwendung dieser Verfahren auf den Bereich Lernen ist nur an wenigen Stellen bisher thematisiert worden (Ausnahme: Arbeiten zum "zielerreichenden Lernen" (mastery learning)). Der Zeitfaktor bei der Entwicklung des Individuums wird ausgeklammert. Ziel des Lernens müßte die hundertprozentige Bewältigung der Anforderungen eines bestimmten Niveaus sein. Stattdessen produziert man unter Mißbrauch der individuell verschiedenen Lernzeit eine Normalverteilung mit wenigen, die alles oder fast nichts verarbeitet haben, und der großen Masse derer, die nur einen Teil der Anforderungen erfüllen und interpretiert diese Normalverteilung der Lernzeiten als Normverteilung des Unterrichtserfolgs.

Im Bildungsbereich wurde und wird immer noch das Rasch-Modell zur Aufgabenevaluation herangezogen. Auch dieses Modell ist indessen ungeeignet, sobald die Anforderungen nicht mehr eindimensional sind. Die Grundlage ist die eindimensionale Bewertung der Spielstärke eines Schachspielers (der elo-Wert, genannt nach dem Mathematik Zermelo, der diesen Ansatz vor nicht ganz achtzig Jahren entwickelt hat). Die Anwendung des Rasch-Modells auf mehrdimensionale Fähigkeiten, wie sie charakteristisch für Lernvorgänge sind, führt bei der Aufgabenanalyse dazu, daß Aufgaben eliminiert werden müssen, wenn der zugehörige Unterricht Lücken aufweist. Zum Beispiel müßte beim Einmaleins die Multiplikation mit der Zahl Null wegfallen; diese wird auch heute noch an den meisten Schulen gar nicht oder so unterrichtet, daß für 8x0 das Ergebnis 1 fast ebenso häufig ist wie das - richtige - Ergebnis 0.

An anderer Stelle ist erörtert, daß für Bildungsstandards das Expertenrating die angemessene Evaluation ist.

 

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Wie realisiert man Bildungsstandards?

Schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Deutschland - mit den damals zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln - Ansätze zur Realisierung von Bildungsstandards. Ein Beispiel sind die Normzeitübungen des Instituts für Film und Bild (FWU), die heute so aktuell sind wie damals, über das Internet inzwischen jedoch jedem Interessierten zugänglich sind. Ein anderes Beispiel sind die "Kontrollbogen" zum Mathematikwerk Andelfinger-Nestle; sie enthalten in gedruckter Form den Kern jedes Unterrichsabschnitts konkretisiert in Auswahlaufgaben, die zum Teil auch als "Lernzieltest Mathematik" im Beltz Verlag erschienen sind. Heute würde man solche Hilfsmittel als Arbeitsblatt ins Internet stellen und unmittelbar nach der Bearbeitung eine Rückmeldung über den Bearbeitungserfolg liefern können - wenn man Lernen für wichtiger hält als Lehren.

Wie generell Bildungsstandards realisiert werden können, ergibt sich aus den Überlegungen zur Evaluation. Ein Bildungsstandard für ein Teilgebiet eines beliebigen Faches setzt eine hinreichend umfassende Datenbank von Aufgaben voraus. Jede hinreichend große Zufallsauswahl aus den Aufgaben der Datenbank stellt eine geeignete Repräsentation dieses Bildungsstandards dar.

Die Elemente dieser Datenbanken können mit geeigneten Werkzeugen wie zum Beispiel den Autorensystemen LERNSHOP und TEXT-ASSISTENT weitgehend automatisch erzeugt werden. Der Autor hat in den vergangenen 20 Jahren dazu umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Als Beispiel können Sie einen Standard zur Einmaleinsbeherrschung online bearbeiten
 
 

Unter Verwendung der Vorarbeiten der vergangenen 50 Jahre (und deren Kenntnis!) könnte innerhalb eines einzigen Jahres im Internet mit geringen Kosten ein vollständiges Angebot von Bildungsstandards für alle klassischen Lern- und Verständnisfächer im Internet verfügbar sein - und dazu für neue Themen wie z.B. Wirtschaft. 

Es geht nicht darum, "Schule" neu zu denken (Hartmut von Hentig); "Lernen" muß neu gedacht werden!

Zukunft muß nicht teuer sein

- wenn man nicht wieder die "Experten" ruft, die seit 50 Jahren fast jeden Schritt in Richtung moderne Lernoptionen verhindert haben. 

Es ist wohl zu optimistisch, eine Realisierung von den Bildungsbehörden zu erwarten (siehe die Verknüpfungen im Anschluß an diesen Kasten). 

Vielmehr dürfte ein privat getragenes Institut nach dem Vorbild des Deutschen Instituts für Normung (DIN-Normen) und die Umsetzung der "open-source-Idee" ein geeignetes Vorbild sein. 

google findet am 23.12.02 ca. 1380 Fundstellen zum Thema Bildungsstandard (am 26.2.03 über 7 000). Darunter findet man auch die kultusministeriellen Bemühungen, PISA aufzuarbeiten. Beispiele

http://www.leu.bw.schule.de/allg/lehrplan/gymnasium/d_vorpapier6.pdf
Eine rein verbale Umschreibung von Unterrichtszielen in der Art, wie sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts während der Lernzielitis gebraucht wurden.

 http://www.kultusministerium.hessen.de/downloads/mathematik_rs.pdf
Hier gibt es am Ende immerhin auch einige "Musteraufgaben". Bis zum Wesen eines Bildungsstandards - reproduzierbare transparente Anforderungen hinreichender Variation mit der Möglichkeit zur Selbstkontrolle - ist auch da noch ein weiter Weg.
 

Zwischenzeitlich (18.2.03) ist eine umfangreiche Studie erschienen:
Bulmahn, KMK (Wolff), DIPF, Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards
http://www. dipf.de/aktuelles/expertise_bildungsstandards.pdf
Siehe oben.
Mit Datum 3.7.03 ist
http://www.kmk.org/aktuell/pm030709.htm
ein Entwurf zum Versuch erschienen, in Lehrplanform "Standards" für den mittleren Bildungsabschluß zu formulieren.
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Wer Zugang zu Bildungsstandards haben soll und nicht haben darf

In der derzeitigen Praxis ist es üblich, daß Lösungshilfen nur für den Lehrer, nicht dagegen für den Schüler angeboten werden. Bei den meisten Schulbüchern muß der Schulstempel bestätigen, daß der Besteller eines Lehrerhefts tatsächlich auch als Lehrer tätig ist. Als Ende der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts dieses Prinzip bei einem mathematischen Unterrichtswerk (Andelfinger-Nestle) durchbrochen wurde, mußten Autoren und Verlag für diese Entscheidung entsprechende Anfeindungen hinnehmen.

Die plausibelste Erklärung für diese Geheimniskrämerei mit Lösungen und Lernhilfen ist unfreundlich gegenüber der Lehrerschaft: Erhaltung eines Informationsvorsprungs vor Schülern und Eltern; Erhaltung des Notenmonopols. Es ist sicher richtig, daß offengelegte Anforderungen und Hilfen, diese Anforderungen zu erfüllen, von einer Vorstellung von Lehrerrolle und Lernen ausgehen, bei der der Lehrer als Lernhelfer bei der Selbstorganisation des Schülerlernens dient - und daß dies im Widerspruch zum Selbstkonzept vieler Lehrer steht. Die Vorstellung vom Lehrer als Lernhelfer  war vor der Erfindung des Buchdrucks nicht denkbar, weil damals die wichtigste Funktion des Lehrers die eines Informationsspeichers war. Inzwischen könnten Multimediaprodukte den Lehrer in dieser Funktion vollständig ersetzen und wären ihm hinsichtlich Richtigkeit und Aktualität in der Regel überlegen. Es ist deshalb nur aus der Verteidigung von alten Privilegien zu verstehen, daß die Lehrerrolle auf dem Stand der handwerklichen Tätigkeit stehen geblieben ist und die schulische Informationsverteilung immer noch auf dem Tante-Emma-Laden-Prinzip aufgebaut ist. Wie es mit primitivsten Medien auch anders gehen kann, können Sie hier liesen.

Für ein modernes Lernkonzept ist unverzichtbar, daß die Lernanforderungen, konkretisiert in Bildungsstandards für jedes Fach,  nicht in einem heimlichen Lehrplan versteckt sondern allgemein zugänglich gemacht werden. Es ist erforderlich, daß der einzelne jederzeit feststellen kann, ob und wie er die Lernanforderungen erfüllt. Nur dann ist es möglich, den im einzelnen Kind steckenden Kräften zur Selbstorganisation eine Entfaltung zu ermöglichen, die die individuelle Begabung ausschöpft. (Man muß dann freilich hinnehmen, daß Begabungen auch im kognitiven Bereich streuen, wie dies im Sport allgemein akzeptiert wird: Nicht jeder hat das Zeug zum Fußballstar oder Tennisprofi; es hat aber auch nicht jeder die Voraussetzungen, die für den Erwerb einer umfassenden sprachlichen oder mathematisch-naturwissenschaftlichenb Bildung erfüllt sein müssen.) Wenn die individuelle Leistung nicht durch ein korruptes Bewertungssystem verwässert wird, gibt es konsequenterweise größere Leistungsunterschiede zwischen den Individuen bezüglich Thema und Kompetenz als heute. Die Durchschnittsschule entmutigt dann aber auch nicht potentielle Spitzenleistungen und verringert die Schulnot der schwachen Schüler. 

Kürzlich war in einer Bildungssendung des Südwest-Rundfunks zu hören, daß die Schule ihre größte Effektivität bei der Vermittlung von Lernunlust aufweist. Wenn transparente Bildungsstandards für jedes Fach zugänglich sind, kann dies im einzelnen Kind Kräfte freisetzen, die sich gegenwärtig offenbar kaum jemand vorstellen kann.

Kurz zusammengefasst: 
 

Bildungsstandards müssen öffentlich zugänglich und so beschaffen sein, daß jeder selbst kontrollieren kann, wie er diesen Standards gerecht wird.

Wie in weniger als Jahresfrist - wenn man es will - Bildungsstandards für den gesamten Schulstoff erstellt werden können, lesen Sie hier.

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Lehrer und Bildungsstandards

Ein beträchtlicher Teil der Lehrerarbeitszeit muss in der klassischen Schule auf Vorbereitung und Korrektur von Lernkontrollen aufgewendet werden.

Geeignet formulierte Bildungsstandards können den Lehrer bei beiden Aufgaben entlasten. An die Stelle der Vorbereitung von Lernkontrollen tritt die Auswahl. Diese korrespondiert mit dem zugehörigen Unterricht. Wenn die Bildungsstandards den Forderungen des Dortmunder Manifests entsprechen, reduziert sich die Korrekturzeit auf etwa ein Fünftel verglichen mit herkömmlichen Klassenarbeiten. Sie sinkt im Regelfall auf Null, wenn man das Hilfsmittel Computer einsetzt. Die Korrektur enthält weniger Willkürschritte; nur für die Umsetzung in Schulnoten fällt der gleiche Arbeitsaufwand wie bisher an.

Lehrer arbeiten heute noch überwiegend wie Weber, Schuhmacher und Schmiede vor 200 Jahren. Sie benützen von den heutigen Hilfsmitteln schon den Kopierer und - wenigstens zum Teil - den Computer als Schreibmaschine. Die Ablösung der Informationsfunktion des Lehrers durch Angebote im Internet hat noch kaum begonnen. Computer- und Internetfunktionen als neue Formen der Bewertung des Unterrichtserfolgs einzusetzen steckt noch in den allerersten Anfängen. 

Das mit Internetangeboten verfügbare Rationalisierungspotential wird bisher in keiner Weise genutzt. Natürlich kann ein handgewebter Stoff schöner sein als ein Stoff aus dem automatischen Webstuhl; für den Alltagsgebrauch haben wir uns indessen längst auf Serienprodukte eingestellt - sonst könnten wir uns das meiste nicht leisten! Wie lange können wir uns handwerkliche Methoden im Bildungsbereich noch leisten?

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Darf der Zugang etwas kosten?

Was nichts kostet, ist nichts wert. Deshalb sollte der Zugang zu einzelnen Bildungsstandards nicht kostenfrei sein, andererseits dürfen die Nutzungsgebühren auch nicht prohibitiv sein.
 


Eine vernünftige Regelung
  • macht den Zugang zu den Auswahlen kostenfrei,
  • ermöglicht gegen eine geringe Gebühr (Richtvorstellung 0,5 €) die Bearbeitung eines Einzelstandards
  • eröffnet gegen eine Pauschalgebühr (Richtvorstellung 20 € pro Jahr) den unbeschränkten Zugang zu allen Standards.
Der Zugang zu einem Standard ist mit einer qualifizierten automatischen Rückmeldung über eine Bearbeitung verbunden.

Gegebenenfalls muß für die Zertifizierung der Rückmeldung eine Zusatzgebühr erhoben werden. (Eine Zertifizierung ist nötig, wenn Fälschungen für die nachgewiesenen Qualifikationen erschwert werden sollen.)

Mit Bildungsgutscheinen und freiem Internetzugang in Lernzentren können soziale Benachteiligungen verhindert werden. Wenn zudem die Lehreraufgaben so abgeändert würden, daß  der Lehrer nicht mehr die Informationswiedergabe sondern vielmehr die Hilfe beim Erwerb von Wissen und Fähigkeiten als Hauptaufgabe ansieht, und wenn die Bewertung des Lernergebnisses objektiviert wird und nicht mehr durch den jeweiligen Lehrer erfolgt, dann gehört Deutschland innerhalb von zehn Jahren zu den Spitzennationen bei einem neuen PISA. 

Dass Schüler bereit sind, Geld (2003 mehr als 400 000 €) dafür zu bezahlen, dass sie 75 Minuten lang mathematische Aufgaben lösen dürfen, hat das Mathe-Känguruh gezeigt.

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Wie man den Zugang zu Bildungsstandards organisieren könnte

Nicht alle Forderungen sind erfüllbar und bezahlbar. Für die Realisierung der Forderung nach öffentlich zugänglichen Bildungsstandards sind indessen die technischen Vorarbeiten in verschiedenen Varianten bereits konkreter Alltag. So müßte zum Beispiel die Programmstruktur des online-Versteigerers Ebay nur kräftig abgespeckt werden, und sie würde die Anforderungen an eine Bildungsstandard-Datenbank erfüllen, das heißt, Ebay hat eine für den robusten Alltagsgebrauch taugliche Lösung eines komplexeren Problems seit geraumer Zeit im Betrieb.

Schulen ans Netz hieß die Devise noch vor Jahresfrist. Inzwischen sind die Schulen am Netz, aber die Frage "Wozu?" ist fast nirgends zufriedenstellend beantwortet. 

Würde man die Bildungsstandards mit freiem Zugang ins Netz stellen, so wären die oben formulierten Forderungen erfüllt. Über den finanziellen Aspekt dieses Vorhabens finden Sie hier im folgenden Abschnitt weitere Informationen.

Hier finden Sie kostenlos Zugang zu einem Bildungsstandard, der vor mehr als 30 Jahren entwickelt und im Jahr 2000 erneut angewandt worden ist (Thema Kopfrechnen).

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Könnte man mit Bildungsstandards Geld verdienen - oder Geld sparen?

In Deutschland ist die Vorstellung fast undenkbar: Bildung als Wirtschaftsgut, an dem Dritte verdienen? In den USA gibt es dabei keine Hemmungen. Nachdem wir im Bildungsbereich schon viel Irrsinn aus den Vereinigten Staaten importiert haben, könnten wir uns auch einmal mit zukunftsträchtigen Vorstellungen von dort auseinandersetzen. 

Ein Beispiel: Wer in den USA als Ausländer eine qualifizierte Arbeit antreten möchte, muß in der Regel den Test Of English as a Foreign Language (TOEFL) mit hinreichendem Erfolg absolvieren. Der TOEFL wird von einer Einrichtung (ETS) organisiert, die mit standardisierten Tests  im Jahr 1998 einen Umsatz von 494 Millionen Dollar erzielt hat.

Wenn, wie oben vorgeschlagen, Bildungsstandards zentral angeboten werden und nur fünf Millionen Schüler zum oben genannten Preis den Zugang zu Bildungsstandards abbonnieren, so gibt das einen Deckungsbeitrag von 100 Millionen Euro. Zusammenstellung und Internetangebot von Bildungsstandards  kann man bei geeignetem Vorgehen (open-source-Methode) für einen wesentlich kleineren Betrag schaffen, das heißt, bei Übertragung der amerikanischen Verhältnisse könnte man mit Sicherheit Geld verdienen.

Warum man auch Geld sparen kann, läßt sich nicht so kurz darstellen:
- Hier geht es um die Struktur der deutschen Bildungseinrichtungen. Wenn 500 000 Lehrer stolz darauf sind, für jeden Tag fünf einmalige Stunden vorzubereiten, so sind sie damit so ausgelastet, daß nicht mehr viel Zeit und Kraft für die Förderung des selbständigen Lernens übrig bleibt; sie haben auch gar kein Interesse mehr daran, weil sie ja ihre Vorbereitung umsetzen wollen. Da die Schüler nicht immer merken, daß der Lehrer nur ihr Bestes will, widersetzen sie sich den Lehrbemühungen zum Teil, und sei es nur in Form von Unaufmerksamkeit und Disziplinlosigkeit. Damit strapazieren sie dann umgekehrt wieder ihre Lehrer. 
- In der Wirtschaft werden bei Einstellungstests auch Schulleistungen abgefragt. Dies könnte problemlos durch zertifizierte Bildungsstandards ersetzt werden. Die Anzahl solcher Zertifikate, die in einem bestimmten Alter vorgelegt werden könnten, würde zugleich ein überzeugendes Bild der Leistungsfähigkeit eines Bewerbers vermitteln. 
 
 

Lehrer arbeiten heute noch wie der Schlosser, der mit der  Feile eine Schraube herstellt, oder wie der Weber, der mit dem Handwebstuhl Schuss für Schuss eine Stoffbahn wachsen läßt.

Wüßten die Schüler dagegen aus dem Internet so gut wie ihre Lehrer, was von ihnen an Schulleistung erwartet wird, so könnten sie ihr Eigeninteresse erkennen und sich darum bemühen, ihren Lehrer als Bundesgenossen und Helfer zu gewinnen und nicht als feindlichen Richter anzusehen. 

Wir haben ohnehin nur noch wenige Jahre Zeit, etwas gegen den neuen Lehrermangel zu tun, wenn wir uns nicht heute schon auf Green-Card-Lehrer aus Bangladesh oder Zimbabwe einstellen wollen. (Im Jahr 1968 hat der Verfasser für die zweite Hälfte der Siebzigerjahre eine Lehrerschwemme vorausberechnet; der nächste Lehrermangel ist heute schon gesicherte Tatsache, wenn man ohne "Mikätzchen" auskommen will - oder beim Lernen den Schritt ins Informationszeitalter nicht wagt.)

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Wie sich Lernen zukunftsorientiert verändern kann, wenn es Bildungsstandards gibt

 Das Modell dazu wurde in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt, als Zertifikatssystem des Deutschen Volkshochschulverbands. Die Verantwortlichen hatten damals schon erkannt, daß der umfassende Bildungsbegriff des 19. Jahrhunderts fortschrittsfeindlich ist. Ihre Antwort darauf: ein Bildungsbaukasten. Für die "Steine" dieses Baukastens gab es eine Qualitätskontrolle, das heißt, ein Zertifikat, mit dessen Hilfe der Nachweis für die erworbene Qualifikation geführt wurde.

Bis auf Ausnahmen ist das Zertifikatssystem nicht in die Gegenwart fortgeführt worden. Die nächstliegende Erklärung dafür wäre ein undifferenziertes "Das hat sich nicht bewährt.". Eine andere Interpretation dürfte der Sache näher kommen:

1. Tausende von Kursleitern merkten sofort, daß ein schlechter Lehrerfolg nicht mehr eindeutig mangelnder Arbeit oder Eignung der Kursteilnehmer zugeschrieben werden konnte, sondern daß gute oder mangelhafte Arbeit des Kursleiters als zusätzlicher Parameter für die Beurteilung des Lehrerfolgs sichtbar wurde. Dieser Stress war unerwünscht (, wie dies heute noch für die Lehrkräfte an Schulen und Universitäten gilt).

2. Die Zertifikate waren nicht automatisch wie Hauptschulabschluß, Abitur oder Diplom mit einer Berechtigung verknüpft. Solange in den staatlichen Bildungseinrichtungen mit genügend Sitzfleisch - zeitgesteuert und nicht leistungsgesteuert - fast immer umsonst eine fast nichts aussagende, aber allgemein anerkannte Berechtigung verliehen wurde (und bis heute wird), gab es nur geringe Motivation, nur mit Strapazen zu erlangende Zertifikate zu erwerben.

PISAs Nachfolger bleiben ein Damoklesschwert, wenn die Steuerungsvariablen für Lerner und Lehrer nicht so verändert werden, daß das Ergebnis der Bildungsbemühungen in einem offenen und transparenten Verfahren ermittelt wird.

Dieses Ergebnis kann keine Note sein, vielmehr muß am Ende ein Qualifikationsprofil stehen, das auch Elemente enthalten kann, die durch die klassischen Schulfächer nicht abgedeckt werden. Es gibt genügend Interessengruppen, die gern ein Spezialgebiet im schulischen Lernen berücksichtigt sehen wollen: informatische Grundbildung, Wirtschaft, Umwelt, Politik,  ... .

Wer den Interessenverbänden (GEW, Philologenverband, ...) das Sagen läßt, wird kein zukunftsfähiges Bildungssystem bekommen (Darf man die Frösche fragen, ob ihr Sumpf ausgetrocknet werden soll?). Die Verlängerung der Schulzeit für den untersten Bildungsabschluß (Hauptschule) von 8 auf 9 oder 10 Jahre, für das Abitur von 12 oder weniger auf 13 Jahre bringt bei den meisten Schülern keine Leistungsverbesserung (Siehe hier). Die deutschen Nobelpreisträger waren beim Abitur selten älter als 17, häufig jedoch jünger. Ihnen wird man die Bildung nicht absprechen dürfen.
 
 

Bildungsstandards ermöglichen eine breitere Bildung.
Qualifikationsprofile sind aussagekräftiger als Noten.

Die derzeit besten Beispiele für Lernen nach definierten, veröffentlichten Standards sind das Telekolleg und die Fernuniversität in Hagen.


Folgende Beiträge sind dringend erwünscht:
- Hinweise auf Aufgabensammlungen (Möglichst mit URL),
- Kritik und Verbesserungsvorschläge der Konzeption,
- Beteiligung an den Kosten des Sites.

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