6.12.1999
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Mathematikunterricht und Computerspiele
ein Denkanstoß

Auf den folgenden Seiten werden zwei Einzelaspekte einander gegenübergestellt:

        - Ein Auszug aus einem Bericht über den BWT (Berufswahltest der Arbeitsverwaltung),
        - ein Fragebogen über Computerspiele in einer siebten Hauptschulklasse.

Die Gegenüberstellung kann als Denkanstoß verstanden werden.

BWT-Resultate

Ein Aufsatz von Herrn Hustedt (Psychologischer Dienst der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg) in "Bildung & Wissenschaft", Dezember 1998, S. 15/16 enthält die folgende Statistik:

Beherrschung einer Rechenart wird in dieser Statistik unterstellt, wenn von 4 Aufgaben mindestens 3 richtig gerechnet wurden. Die Rechnung erfolgt ohne Zeitdruck. Die untersuchte Population hat eine Größenordnung von 50 000 Personen.

Die Aufgaben selbst sind recht einfach. Bei der schwierigsten Subtraktionsaufgabe muß eine dreistellige Zahl von einer vierstelligen subtrahiert werden. Die Bruchrechenaufgaben entsprechen in ihrer Schwierigkeit 1/4 + 1/8 (Zähler und Nenner in den Aufgaben sind stets einstellige Zahlen).

Rund die Hälfte aller Untersuchten hat also von den vier Bruchrechenaufgaben höchstens zwei richtig gelöst. Bei den Rechenroutinen, die bereits in der Grundschule unterrichtet werden, ist das Ergebnis etwas besser. Trotzdem werden zum Beispiel bei der Multiplikation (drei Aufgaben mit höchstens zweistelligem Multiplikand und Multiplikator; eine Aufgabe mit dreistelligem Multiplikand und zweistelligem Multiplikator) von weniger als 80 % der Untersuchten mehr als zwei Aufgaben richtig gerechnet.

Unabhängig davon, ob die überprüften Fähigkeiten künftig noch sinnvoll sind (das Ergebnis einer Diskussion über diese Frage ist zumindest offen), stellt sich die Frage, ob Lehrplan und Unterrichtsmethode in der Sekundarstufe angesichts des unterrichtlichen Dauererfolgs für die Betroffenen richtig gewählt sind.

Computerspiele

Heutige Computerspiele stellen zum Teil recht hohe Anforderungen an Wahrnehmung, Koordination und vor allem Konzentration. Deshalb ist von Interesse, in welchem Umfang solche Spiele dem kognitiv schwächeren Teil der Untersuchten, den Haupschülern, bekannt und zugänglich sind.

Eine repräsentative empirische Untersuchung dazu ist aufwendig - und überflüssig, weil bereits eine Einzelfallprüfung genügend Material für eine Gegenüberstellung von Rechenleistung und Computerspiel erzeugt.

Der folgende Fragebogen wurde in einer siebten Hauptschulklasse ausgeteilt und von den Schülern ausgefüllt:


Computer- und Videospiele

Hast du schon einmal Videospiele gemacht?                 O ja                     O nein
Hast du schon einmal Computerspiele gemacht?           O ja                     O nein

   am PC   O
   mit Nintendo  O
   mit Sony Play  O
   Sonstige  O

Kennst du eines der folgenden Spiele
   Tetris   O
   Okahu   O
   Bleifuss  O
   Fifa   O
   Lara Croft  O

Kannst du ein weiteres Computer - oder Videospiel nennen?

Spiel: .................................................................................................................................

Wie viel Zeit hast du schon mit Computer- oder Videospielen verbracht?

Ich habe noch nie gespielt   O
Weniger als 1 Stunde    O
Weniger als 5 Stunden    O
Ich spiele regelmäßig    O

Bist du    O weiblich   O männlich

Hast Du einen eigenen Computer            O ja                     O nein

Hast Du eine eigene Spielkonsole           O ja                     O nein

Vielen Dank für Deine Mitarbeit



Er brachte folgendes Ergebnis

Computer- und Videospiele

Hast du schon einmal Videospiele gemacht?                 11 ja                    6 nein
Hast du schon einmal Computerspiele gemacht?           11 ja                     5 nein

   am PC               12
   mit Nintendo      15
   mit Sony Play      7
   Sonstige              9

Kennst du eines der folgenden Spiele
   Tetris               15
   Okahu               0  (Kontrollfrage; dieses Spiel gibt es nicht)
   Bleifuss              6
   Fifa                  10
   Lara Croft          3

Kannst du ein weiteres Computer - oder Videospiel nennen?
  23 zusätzliche Nennungen, darunter mehrfach Floyd und Super Mario

Wie viel Zeit hast du schon mit Computer- oder Videospielen verbracht?
Ich habe noch nie gespielt           1
Weniger als 1 Stunde                 4
Weniger als 5 Stunden               7
Ich spiele regelmäßig                 6
      (1 Mehrfachnennung bei (2) und (4); Interpretation u.U. weniger als eine Stunde am Stück)

Bist du                                     8 weiblich                                       9 männlich

Hast Du einen eigenen Computer                        7  ja                          8 nein
Hast Du eine eigene Spielkonsole                       9  ja                          7 nein



Die Kinder haben die Fragebögen ohne gegenseitigen Kontakt ausgefüllt. Von den 17 Schülern der Klasse sind drei Deutsche; die anderen Schüler verteilen sich auf 10 verschiedene Nationalitäten.

Eines der deutschen Kinder wird von der Klassenlehrerin als begabt aber arbeitsunwillig beschrieben. Dieses Kind gab an, in Tetris über 2 Millionen Punkte zu erzielen (der Autor freut sich, wenn er über 3000 Punkte kommt).

Wenn Sie Tetris nicht kennen, können Sie hier die DOS-Fassung anklicken, auf Ihren Rechner kopieren und unter DOS spielen. Schon in der primitiven DOS-Variante verlangt Tetris eine hohes Maß der oben den Computerspielen zugeschrieben Anforderungen Wahrnehmung, Koordination und Konzentration. (Quadratvierlinge fallen in einen rechteckigen Topf; sie sollen während des Falls so gedreht werden, daß möglichst wenig Felder frei bleiben. Ist eine Ebene im Topf voll, wird sie gelöscht, so daß wieder Platz entsteht. Je mehr Vierlinge untergebracht werden, desto höher ist die Punktzahl.)


Ein Denkanstoß

Bringt man die beiden Teilthemen BWT und Computerspiele in Verbindung, dann stellen sich viele Fragen

Sollte die Schule mehr Nachdruck auf zielerreichendes Lernen (mastery learning) legen?

Welche Ziele lohnen den Einsatz?

Wie irrational ist ein Unterricht, der Themen behandelt, für deren Behandlung bei vielen Schülern die Voraussetzungen nicht erfüllt sind?

Kann man die Motivation für Computerspiele auf den klassischen Schulstoff übertragen? Wie macht man das gegebenenfalls? Welche Rolle spielt dabei die Rückmeldung über den Erfolg?

Soll man die Fiktion einer mit längerer Dauer besser werdenden Bildung aufrecht erhalten? (Siehe auch "8 Jahre Gymnasium sind zuviel!")

Wenn Sie darüber diskutieren wollen, eine elektronische Nachricht schreiben.

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