StartseiteInhalt KMK-StandardsBMBFWas sind Bildungsstandards
Stand 14.10.03; allen vielen Dank, die sich durch Rückmeldungen mit der letzten Fassung auseinandergesetzt haben.

22.8.03
Kritischer Kommentar  von Fritz Nestle zum Text
 
 
Bildungsstandards im Fach Mathematik

für den Mittleren Schulabschluss

Entwurf

(Stand vom 04.07.2003)

Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland
Ref. II A3
Postfach 22 40
53012 Bonn

Kurzkritik

Offene Fragen
Warum der Autor glaubt, zum Thema beitragen zu können
Stellungnahmen zu Kapitel 1
Stellungnahmen zu Kapitel 2
Stellungnahmen zu Kapitel 3
Stellungnahmen zu Kapitel 4

Der Autor hatte als Lehrbuchautor und Medienproduzent umfangreiche Erfahrung mit Lehr- und Bildungsplänen für das Fach Mathematik vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts; als Hochschullehrer in der Lehrerbildung hat er diese Erfahrung vertieft und unter neuen Gesichtspunkten aufgearbeitet. Dabei kommt er zu Schlußfolgerungen, die teilweise über das oben genannte Papier hinausgehen.
 
 

Kurzkritik

Was als inhaltliche Desiderate für das Ergebnis des Mathematikunterrichts in dem oben genannten Papier dargestellt wird, ist beste mathematische und schulische Tradition - und unter dem Namen "Bildungsstandards für das Fach Mathematik" in den Augen des Autors dieser Kommentare ein reiner Etikettenschwindel.

Es ist eine eigenwillige Interpretation des Begriffs Standard, der den Titel des Papiers rechtfertigen muß. Was als Standards ausgegeben wird, sind in Wirklichkeit vage Beschreibungen mit einem riesigem Spielraum für Interpretationen, der durch zehn Beispielaufgaben nur unwesentlich eingeschränkt wird.

Ein Beispiel für eine willkürlich herausgegriffene "Kompetenz" zur "Leitidee" Strukturieren in der Ebene und im Raum (S.13 im Papier):

Die Schülerinnen und Schüler operieren gedanklich mit Strecken, Oberflächen und Körpern.

Geschieht das in ausreichendem Maß, 
- wenn sie verbal erklären können, daß ein Würfel eine Grundfläche, 4 Seitenflächen und eine Deckfläche besitzt, 
- oder ist es noch nicht ausreichend, wenn sie sich ohne Material (gedanklich!) eine Übersicht über alle Würfelfünflinge verschaffen können und zugleich prüfen, welche davon mit genau 2 Flächen an einen ausgewählten dieser Fünflinge andocken können. 

Es gibt Menschen, die mit der ersten Aufgabe bereits gefordert sind, und es gibt Menschen, die die zweite Frage nach kurzer Arbeit richtig beantworten können (Probieren Sie es einmal!). 

Soll beiden die gleiche Kompetenz zugesprochen werden?

Ein Standard im Normalverständnis liegt erst vor, wenn das Vorliegen der zugehörigen "Kompetenz" mit einem einsichtigen und reproduzierbaren Verfahren festgestellt werden kann. Für keine der im Papier aufgeführten "Kompetenzen" wird ein solcher Standard definiert. 

Damit werden durch die "Bildungsstandards für das Fach Mathematik" genau die Strukturen des Bildungswesens verfestigt, die zu dem Desaster bei TIMSS und PISA geführt haben: Der Lehrer bleibt in der bisherigen korrumpierenden, zur Manipulation zwingenden Ungewißheit über die Bildungsziele; es bleibt kein Platz für neue Lernformen (selbstorientiertes Lernen, Telekolleg, ...), solange dem Lehrer in einer Person 

  • die Verantwortung für die Stoffauswahl, 
  • die Entwicklung einer Vermittlungsstrategie und 
  • die Bewertung des Erfolgs (in gleicher Weise seines Lehrerfolgs wie des Lernerfolgs der einzelnen Schüler) 
  • zugemutet wird.
Siehe auch hier

 
 

Die ersten drei Kapitel des Mathestandards sind in der einen oder anderen Form enthalten in allen Lehrplänen, die später Bildungspläne, heute Bildungsstandards genannt werden (Präambel, Bildungsziele, inhaltliche Anforderungen) . Bei aller Kritik im einzelnen und möglichen Verbesserungsvorschlägen handelt es sich um eine qualifizierte überzeugende Arbeit, sofern man Mathematiklernen als Teil einer klassisch erworbenen Schulbildung deutscher Prägung versteht.

Eine Ausrichtung auf moderne, konkurrierende Lernformen mit einer anderen Lehrerrolle ist nicht zu erkennen und war wohl auch - leider - nicht beabsichtigt. Bezüge zu alternativen Lernorganisationen der Gegenwart (VH-Zertifkikate, Telekolleg, Fernuni) sind nicht zu erkennen. Im Gegensatz zu den Fremdsprachenstandards, in denen wenigstens auf modernere ausländische, internetgestützte Lernkonzeptionen hingewiesen wird, bleibt die Einbeziehung des Internets in modernes Mathematiklernen so vage, daß die begründete Vermutung besteht, daß die Autoren der Mathestandards in diesem Bereich nicht auf eigene Erfahrungen oder Überlegungen zurückgreifen können.

Die Ausführungen dieser ersten drei Kapitel bleiben auf einer Abstraktionsebene, deren konkrete Umsetzung hochqualifizierter Mathematiklehrer bedarf. Deren quantitativer Anteil an der Lehrerschaft wird nicht diskutiert. Vermutlich ist auch nicht daran gedacht, die Fähigkeit zum Verständnis der Texte, noch weniger also deren Umsetzung in Unterricht, vor dem Inkrafttreten empirisch zu überprüfen. Gerade darin dürfte indessen die Problematik liegen, deren Folgen durch PISA aufgedeckt worden sind.

Insofern stellen die Mathestandards keinen Fortschritt dar. Es ist vielmehr zu befürchten, daß damit der derzeitige Zustand des Schulwesens zementiert wird. Der Begriff Standard wird in so vager Form verwendet wie etwa beim Wort Lebensstandard; eine Präzisierung der Art, wie sie im vergangenen Jahrhundert durch Einrichtungen wie DIN oder ISO zum allgemeinen Vorteil erreicht worden ist, ist nicht zu erkennen.

Ein Lichtblick ist nur das Kapitel 4, in dem durch die Angabe von Modellaufgaben eine Konkretisierung für die abstrakten Vorkapitel angedeutet wird. Gerade hier könnte indessen viel getan werden, um konkrete Unterrichtsziele zu verdeutlichen. Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte man auf dem Umweg über Beispielsammlungen mit Klassen äquivalenter Aufgaben den Weg für moderne Zugänge zum Mathematikverständnis öffnen. Die Beispiele selbst sind zum Teil hervorragend, zum Teil auch bedenklich. Eine Übersicht gibt die nachstehende Tabelle. Kommentare im einzelnen sind den Aufgaben selbst beigefügt.
 

Nr Anforderungen Lösungshinweise Verallgemeinerungsfähigkeit zu Aufgabenklasssen
bedenklich
ausreichend sehr gut; verschiedene Niveaus realisierbar
einwandfrei
einseitig mühsam
einwandfrei
ausreichend sehr gut; verschiedene Niveaus realisierbar
wichtig
vollständig sehr gut; verschiedene Niveaus realisierbar
wichtig
knapp mühsam
wichtig
ausreichend; politisch nicht neutral gut; verschiedene Niveaus realisierbar
einwandfrei
knapp mühsam auf gleichem Niveau
bedenklich
einseitig gut; verschiedene Niveaus realisierbar
sehr wichtig
knapp ausreichend
einwandfrei,
Aufgabe sehr offen
einseitig befriedigend aber nicht unproblematisch
Die 4. Spalte der Tabelle ist wichtig, wenn man Standards konkretisieren und Schülern, Eltern und den Abnehmern von Bildung einsichtig machen will, was die Schule beim einzelnen Kind erreicht hat. Für die Bewertung der Lösungen dieser Aufgaben bleibt ein beträchtlicher Spielraum, der den Anspruch, Standards zu setzen, in keiner Weise rechtfertigt. (Siehe dazu z.B. Kontrolle und Bewertung von Zielen)


Folgende Fragen sind offen
- Warum wird ein sprachliches Darstellungsniveau verwendet, das fachlich nicht vorgebildeten Erwachsenen sowie den Lernenden selbst ein Verständnis der beschriebenen "Standards" verwehrt?
- In welchem Umfang kann bei Mathematiklehrern, mehr noch bei fachfremd unterrichtenden Kollegen, die Qualifikation zur Umsetzung der Mathestandards in effektiven Unterricht vorausgesetzt werden.
- Wir weit reicht die Lernfähigkeit der Schüler aus, mathematische Kompetenzen im vorgesehenen Umfang zu erwerben.
- In welchem Ausmaß ist denkbar, Niveaus dieser Kompetenzen zu definieren, die ohne Verzicht auf den allgemeinen Anspruch den Niveaus der Lernfähigkeit der Schüler angemessen sind.
- Ist die Perpetuuierung der klassischen Schularbeit beabsichtigt, bei der in vermeidbarer Parallelarbeit Zehntausende von Lehrern ihre Zeit für die handwerkliche, nicht immer optimale Aufbereitung des jeweils gleichen Themas einsetzen und auf die heute einfach realisierbare "Objektivierung" (Modeausdruck der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts) der Unterrichtsinhalte verzichtet wird? Am Beispiel Computer haben die Schüler landauf, landab gezeigt, daß es Lernbereiche gibt, in denen die Schüler ohne Unterricht auch heute noch selbständig mehr Kompetenz erwerben als viele ihrer Lehrer trotz aufwendiger Lehrerfortbildung erreichen.
- Warum wird auf moderne Medien und Methoden verzichtet, mit denen der überwiegende Teil der Standards ohne Manipulationsmöglichkeit für die Lehrer objektiv überprüfbar wird? (Frage von Jürgen Kluge "Warum nimmt man nicht die von PISA entwickelten Kompetenzen?")
- Warum sind die Mathestandards eine anonyme Arbeit und die KMK legt nicht offen, auf welche Experten sie sich stützt?