Stand: 12./18.12.03
Die KMK-Bildungs-"Standards"
Des Kaisers neue Kleider

oder

Alter Wein in neuen Schläuchen








Neu zu denken ist offenbar nicht ganz einfach:
 
 

Die Stellungnahmen der Verbände und Organisationen zu den Entwürfen der KMK, soweit sie für mich greifbar waren, haben kaum grundsätzliche Kritik geäußert. Vielmehr stand bei allen das klassische Lehrplandenken im Vordergrund. In der durch Internet und Multimedia geprägten Gegenwart sind offenbar noch nicht viele Leute angekommen.

Inzwischen wird bei den Pressekommentaren bereits angedeutet, dass es sich um Etikettenschwindel handelt, wenn die Inhalte der "Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluß" als Standards bezeichnet wird. In Wirklichkeit wird wieder an Stelle von überprüfbaren Standards ein ziemlich abstrakter Lehrplan formuliert - weniger konkret als die Lernziellehrpläne der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts.
Der Fortschritt der letzten 50 Jahre: Lehrpläne - Bildungspläne - Bildungsstandards; neue Worthülsen ohne substantielle Veränderungen.

Jürgen Kaube schreibt in der FAZ vom 8.12.03 S. 29

In einer Diskussion in der ZEIT vom 4.12.03 S.29 wird die Katze noch deutlicher aus dem Sack gelassen:

(Klemm, Staatsrat a.D., ist Erziehungswissenschaftler; Lange ist der einstige PISA-Beauftragte der KMK)

Andererseits loben viele Kommentare die als "Standards" bezeichneten neuen Lehrpläne der KMK; sie sehen darin einen Fortschritt. (Ich vermute, daß diese Kommentatorinnen und Kommentatoren keine Kenntnis der Lehrplanentwicklung der vergangenen 50 Jahre haben und deshalb einen Fortschritt sehen.) 

Manche entdecken in den KMK-"Standards" eine Chance zur ideologischen Veränderung des Schulwesens und träumen von schulspezifischen Konkretisierungen und Interpretationen der KMK-"Standards" - unter anderem mit dem Hinweis auf Schweden, das bei PISA besser abgeschnitten hat als Deutschland. Sie ignorieren dabei zwei wichtige Tatsachen:

  • Schweden hat mit seinem "Schulwerk" eine Einrichtung, die echte Standards zur Verfügung stellt; die Schulen sind autonom in Bezug auf den Weg, auf dem diese Standards erreicht werden sollen. Wenn der nach-Pisa-Aktionismus der KMK zu Standards geführt hätte, dann wäre die Freiheit der Lernwege auch bei uns möglich und erfolgversprechend.
  • Die schulspezifische Curriculumentwicklung ist arbeitstechnisch ein Stillstand auf dem Niveau der Vorinternetzeit. Dieser Stillstand ist kostspielig, bringt aber den Kindern nicht mehr oder bessere Lernmöglichkeiten.
Weder die KMK-"Standards" noch zum Beispiel die baden-württembergischen "Standards" bieten bisher auch nur den Ansatz einer Hilfe zur Bewertung des Lernerfolgs. Sie gründen auf den gleichen Illusionen, die zum PISA-Desaster geführt haben. Sätze wie

"Wichtig ist die kontinuierliche Beobachtung und Rückmeldung des Lernerfolgs."

klingen deshalb wie Hohn, denn der Lehrer wird in einem schwierigen Teil seiner Arbeit allein gelassen. (Zitat aus http://www.bildungsstandards-bw.de/ ; Hauptschule - Bildungsstandards ...)

Im Hintergrund gibt es inzwischen doch die Vorstellung, dass ein Standard nur dann Standard ist, wenn das Erreichen des Standards überprüft werden kann. Dazu soll ein neues Institut gegründet werden (FAZ vom 5.12.03 S. 1):




Es ist, wie man sieht, auf eine mehrjährige Arbeit ausgerichtet. Bis jetzt wird von der Mehrheit der "Experten" noch nicht verstanden, dass die Steuerung der Arbeit in der Klasse durch verbale Orgien wie die KMK-"Standards" keinen Erfolg verspricht (er wäre schon mit früheren Lehrplänen eingetreten). Nötig sind transparente Standards; Meilensteine auf dem Weg dazu finden Sie hier

Die Chance, dass die Experten ein transparentes, öffentliches System von Standards nach den Forderungen des Dortmunder Manifests entwickeln, ist klein, aber wenigstens vorhanden. Nach wie vor wäre indessen ein privatwirtschaftliches Institut analog zum Deutschen Institut für Normung mit Sicherheit flexibler, effektiver und ökonomischer.

Hier in Kurzfassung nochmals die
 

Alternative
  • Bildungsstandards sind öffentlich im Internet zugänglich.
  • Neben Standards in den klassischen Schulfächern werden auch neue Themenbereiche angeboten (Geld, Politik, ...).
  • Modell für die Betreuung von Bildungsstandards ist die Betreuung von Industriestandards durch das Deutsche Normen-Institut.
Die Realisierung dieses Konzepts hätte Konsequenzen:


Die Firma IBM hat mehrere Jahrzehnte gebraucht, um zu entdecken: Unsere Maschinen können nicht nur zählen sondern auch rechnen. Wie lang wird es dauern, bis auch die Medien und die Entscheidungsträger merken, dass - und wie - das Internet die frühhandwerkliche Organisation des Bildungswesens verbessern und verbilligen könnte?