21.5.04
Die Lehrer sind schuld:
Kommentar zu einem Artikel von Martin Spiewak in der ZEIT

Glanz und Jammer (Die Zeit Nr. 22, S. 31; http://www.zeit.de/2004/22/Glosse_22_a)

Bitte lesen Sie erst den Artikel und dann zwei Anmerkungen: 

1
Vor rund zwei Jahrzehnten kamen plötzlich ein paar  Jahre lang Sieger in der Mathematikolympiade vom kurfürstlichen Gymnasium in Bensheim; ein neuer Lehrer war an die Schule gekommen. „Analyse hervorragend, Konsequenzen und Schlußfolgerungen ungenügend“ - so könnte man die erziehungswissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte kurz charakterisieren. 

Warum ändert man nicht das System – und warum setzen sich die Medien nicht mit alternativen Systemen auseinander?
 

1887 hat Carl Benz ein Patent auf das Automobil erhalten. Die Herstellung erfolgte zunächst noch traditionell handwerklich in seiner Werkstatt. Niemand kann sich vorstellen, dass Autos in 500 000 kleinen Werkstättchen nach individuellen Plänen und mit primitivsten Hilfsmitteln hergestellt werden. 

Dass Schule heute noch so funktioniert wie der Bau der ersten Autos, wird allgemein hingenommen.

Die Abhilfe wäre einfach: Auch in der Schule führt man Arbeitsteilung ein und trennt das Unterrichten von der Bewertung der Unterrichtsergebnisse, das heißt, man wertet externe Ergebniskontrollen auf. Damit wären viele Probleme der Schule von einem Tag auf den anderen gelöst und die Lehrer wären von einer undankbaren Aufgabe entlastet.

Schon 1968 hat die ZEIT über einen entsprechenden Vorschlag berichtet.  (Man findet ihn unter 
www.ph-ludwigsburg.de/mathematik/personal/nestle/allgemein/allgem68.htm; das eigenständige Denken des Verfassers war damals - in der guten Gesellschaft der meisten Kollegen; im Einklang mit seiner Ausbildung - noch nicht so weit fortgeschritten, dass er sich selbstorganisiertes Lernen in größerem Umfang hätte vorstellen können. Immerhin hat er schon an elektronische Auswertung und an Lösungsblätter für die Hand der Schüler gedacht. Bedauerlich ist nur, dass sich Medien und Schulverwaltung bis heute offensichtlich selbstorganisiertes Lernen im Bereich der Schulfächer immer noch nicht vorstellen können, während die Kids ihre Lernfähigkeit unter anderem beim Thema Computer gezeigt haben /und zum Teil heute noch zeigen). Siehe auch hier .)

Damals gab es noch kein Internet; heute wäre der freie Zugang zu – echten – Bildungsstandards mit Hilfe des Internets ganz einfach zu realisieren (www.bildungsoptionen.de/manifest.htm). (Fast) alle würden gewinnen. Insbesondere würde man die Lernmotivation der Schüler im kognitiven Bereich fördern und nicht abwürgen.

Mit der Beschreibung von Vergangenheit und Gegenwart lösen wir die Probleme der Zukunft nicht. Sollte man nicht auch Ideen und Vorschläge diskutieren, die zukunftsgerichtet sind; vor allem wenn die Realisierung so einfach ist.

2
Spiwak schreibt:
"Wie gut die Schüler lesen oder rechnen, differiert an vielen Schulen von Klasse zu Klasse um mehr als 15 Punkte. Das entspricht einem ganzen Lernjahr."
Die wesentliche Information fehlt hier wieder einmal und ist vermutlich auch nicht erhoben worden: Differieren die Noten im gleichen Sinn wie die Leistungen, oder ist es so, dass die Klassen mit den schlechteren Noten die besseren Leistungen zeigen? - Der Verfasser hat den begründeten Verdacht, dass in der Regel die Durchschnitte umso besser sind, je geringer die Leistungsfähigkeit der durchschnittlichen Schüler ist. 

Merke: Nur gute Lehrer können es sich erlauben, auch schlechte Noten zu vergeben. Objektive Maßstäbe sind nach den von der KMK am 4.12.03 verabschiedeten "Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss" von seiten der Schule noch lange nicht zu erwarten.

Wie weit der Ball eines Schülers fliegt,  kann er selbst auf wenige Zentimeter genau feststellen. Man verweigert ihm bis heute die entsprechenden Verfahren, um den Lernstand in Englisch, Geschichte oder Mathematik festzustellen. (Eine der wenigen Ausnahmen:www.ateus.ch)