Fritz Nestle, Ulm (Ludwigsburg)

Bildungsstandards - was ist das? (1)

(Druckfassung des Vortrags für die GDM-Jahrestagung am 5.3.04; Vortragsanmeldung; Folien zum Vortrag)

Was sind  Standards?
KMK-Bildungs "Standards" für den mittleren Schulabschluss
Echte Bildungsstandards und open-source-Idee: Das Dortmunder Manifest

Was sind  Standards?

Vor 200 Jahren waren Standards bis auf wenige Ausnahmen unbekannt. Fast jedes Produkt war ein Unikat. Eine Schraube des einen Herstellers passte nicht zur Mutter eines anderen Herstellers. Heute sichern die Standards des Deutschen Institut für Normung (oder international ISO) die gegenseitige Passung. Standardisierte Steckkarten für Computer, die Regeln im Straßen-verkehr oder standardisierte Papierformate erleichtern den Alltag.

Geeignete Standards haben Massenproduktion von preiswerten Waren und einen früher undenkbaren Wohlstand für breite Schichten ermöglicht.

Die Standardisierung im Bildungsbereich steckt in den allerersten Anfängen. Die von KMK am 4.12.03 als Bildungs- "Standards" vorgelegten Rahmenlehrpläne sind weit von überprüfbaren und nützlichen Standards entfernt und noch so interpretationsfähig, daß sie zwar für alle Bundesländern akzeptabel aber dafür inhaltleer wurden. Verbesserungen sind möglich und nötig.

KMK-Bildungs "Standards" für den mittleren Schulabschluss

Die sogenannten Bildungsstandards der KMK sind in einem zweistufigen Verfahren von anonymen Experten entwickelt worden. Im Juli 2003 wurde eine Anhörungsverfassung veröffentlicht. Rund 400 Seiten Stellungnahmen von Verbänden und ausgewählten Einzelpersonen sind für einen kurzen Zeitraum im Web veröffentlicht worden. Sie zeigen eine große Streuung von "Insgesamt ist das Dokument ... äußerst begrüßenswert und findet unsere Zustimmung." (DGFF) bis zu "Zweite Chance für die KMK" (GEW). 

Diese zweite Chance hat die KMK nicht genutzt. Der Fortschritt besteht darin, daß es seit 4.12.03 gemeinsame Rahmenlehrpläne für alle Bundesländer gibt, die euphemistisch Bildungs-"Standards genannt werden.

Meine eigene Stellungnahme finden sie -  nicht von der KMK veröffentlicht - über den Einstieg www.bildungsoptionen.de/mbil.htm. Grundtenor meiner Kritik ist, daß die Vorstellungen von Lernen fast ausschließlich auf den Lernbedingungen des 19.  und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhen. Selbstorganisiertes Lernen ist kein Thema. Die Chancen moderner Informationsmedien für das Lernen von Mathematik (und anderen Fächern) werden ignoriert. Daneben stört die Schwammigkeit der Formulierungen zu Kompetenzen und Standards. Die Strukturen, die zum PISA-Debakel geführt haben, werden nicht aufgebrochen.

Was mit den Verbalorgien der KMK gemeint ist, sollen Beispielaufgaben in den "Standards"  verdeutlichen.  In der Einleitung zu den "Bildungsstandards im Fach Mathematik" heißt es: (Die Aufgabenbeispiele) "... sind daher auch zur Adaptation und schöpferischen Diskussion für Lehrkräfte und Fachkollegien gedacht."  Den Lehrern wird dadurch 100 000fach weitere Arbeit aufgebürdet, die besser zentral von der KMK ein einziges Mal geleistet werden könnte.  Immerhin gibt Aufgabe 14 (Der Wassertank) einen Hinweis auf Aufgaben, die eine objektivere Überprüfung und schnelle Korrektur zulassen: Das Beispiel enthält Auswahlantworten (heute meist "multiple choice") der primitivsten Art. Schon das muß man als Fortschritt begrüßen.

Ein Beispiel für die Formulierung eines 'Standards': " Die Schülerinnen und Schüler nutzen sinntragende Vorstellungen von rationalen Zahlen, insbesondere von natürlichen, ganzen und gebrochenen Zahlen entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit." (2)  Dieser Text läßt nicht nur die "Verwendungsnotwendigkeit" offen, sondern es fehlt auch jede Interpretationshilfe dafür, was "nutzen" in diesem Zusammenhang bedeuten soll. 

Schüler - und ihre Eltern -  können mit solchen Formulierungen nichts anfangen. Das einzelne Individuum bleibt abhängig von weisen Behörden und ihren Entscheidungen. Selbstorganisiertes Lernen bekommt im Bereich des Schulstoffs trotz gegenteiliger Beteuerungen ("soft skills") keinen Ort. 

Echte Bildungsstandards und die open-source-Idee: Das Dortmunder Manifest 

Wie man unter Nutzung heutiger Informationssysteme Bildungsstandards setzen könnte, die die Qualität der DIN-Standards besitzen, zeigt das Dortmunder Manifest (www.bildungsoptionen.de/manifest.htm; dort nähere Erläuterungen) mit sechs einfachen Postulaten:

1 Grundlage
Grundlage für Bildungsstandards ist eine hinreichend umfangreiche, thematisch gegliederte Datenbank  für Aufgaben.

 2 Definition
Jede hinreichend umfangreiche Zufallsauswahl aus einem Themenblock wird als Bildungsstandard zum Thema akzeptiert.

3 Selbstkontrolle
Die Aufgaben sind so formuliert, daß die Richtigkeit der Bearbeitung vom Bearbeiter selbst (und damit vom Computer) kontrolliert werden kann. 

4 Zugang
Jeder Interessierte hat -  gegebenenfalls gegen eine Gebühr -  freien Zugang zu den Bildungsstandards. Der Zugang kann problemlos über das Internet und UMTS realisiert werden. 

5 Zertifizierung
Erfolgreiche Bearbeitung eines Bildungsstandards ist zum entsprechenden Schulabschluß gleichwertig.

6 Träger
Nach dem Vorbild des Deutschen Instituts für Normung (oder der amerikanischen ETS oder NCTM) sind ein privater Anbieter als Distributor und die Entwicklung nach der open-source-Idee denkbar und wünschenswert.

Besonders einfach sind reine Wissensstandards realisierbar, die diesen Forderungen entsprechen. Ein typisches Beispiel ist das Einmaleins. Die Wissensbasis ist durch die 121 Einmaleinssätzchen (nicht nur 100!) vollständig beschrieben. Es besteht weitgehend Einvernehmen, daß auf die mechanische Beherrschung des kleinen Einmaleins nicht verzichtet werden kann, das heißt, auf den Reiz "7 mal 5" wird als Reaktion  die sofortige Antwort erwartet, nicht nur eine langsam erarbeitete Transferleistung. 

Ein Beispiel für ein zeitgesteuertes Einmaleinsabfrageprogramm verdanke  ich Herrn Großmann. ( URL
 www.bildungsoptionen.de/dilli/einmal.htm). Sie  können das Programm dort selbst testen. 

 Dieses Programm wird zum Standard durch die zusätzliche Festlegung, dass unter drei Bearbeitungen  der jeweils 36 Aufgaben mindestens ein Mal 36 richtige Eintragungen erreicht werden müssen.

Eine andere Variante eines solchen Programms - Aufgabenansage aus MP3-Datei; Bearbeitung auf Papier - erhalten Sie als Download unter 

www.ph-ludwigsburg.de/mathematik/personal/nestle/normzeit/k/k.htm

Die Kritik an derartigen Programmen ist wohlfeil: Es handele sich um öde, mechanische Routineabfragerei und das mathematische Denken bleibe auf der Strecke. Inzwischen verbreitet sich jedoch wieder die Einsicht, daß Fortschritte auf einer höheren Stufe von der Mechanisierung der Fertigkeiten auf den vorausgehenden Stufen abhängen. (Wer keinen Ball fangen kann, ist als Handballspieler unbrauchbar.)

Das Matheprisma (www.matheprisma.uni-wuppertal.de) verwendet für die schriftlichen Rechenverfahren Aufgabentypen, die mit geringem Aufwand zu Standards für Strategieaufgaben der Grundschule ausgebaut werden können.

Standards für den mittleren Bildungsabschluss müssen anspruchsvoller sein. Aufgabe 14 von den Beispielaufgaben der KMK ist ein Aufgabentyp, der in kleinen Variationen in den 1986 in Baden-Württemberg eingeführten zentralen Klassenarbeiten am Ende von Klasse 10 (Gymnasium; freie Bearbeitung) öfter verwendet worden ist. Wenn zusätzliche Anforderungen (Logikprobleme, Prozentrechnung, Zweitafelprojektion, Zufallsparameter bei den Zahlenangaben, ...) eingebaut werden und eine Regelbearbeitungszeit festgelegt wird, erhält man bereits eine hinreichend variantenreiche Klasse von Aufgaben für einen Teilstandard des mittleren Bildungsabschlusses.

Unter 

www.bildungsoptionen.de/dilli/015.htm

finden Sie eine Fassung der Beispielaufgabe 14 der KMK, die am Bildschirm gelöst und bewertet werden kann, unter

 www.bildungsoptionen.de/pisar1.htm

entsprechend eine PISA-Aufgabe mit zum Teil analogen Anforderungen. 

Die Arbeitszeit, die man in solche Bearbeitungsformen investiert, rentiert sich als Einsparung bei der Korrekturzeit für Klassenarbeiten (3). Noch wirtschaftlicher wird der Aufwand für die Entwicklung, wenn man das Ergebnis den Kollegen als Datei zur Verfügung stellt, indem man die Aufgaben ins Internet stellt (beispielsweise bei www.bildungsstandards.de). Auf diesem Weg kann jeder Lehrer durch Mitarbeit in einem open-source-Projekt (4) für echte Bildungsstandards zu einer Schulreform von unten beitragen - und er spart Zeit, die er nützlicher verwenden kann. 
 
 

1 Ausführlichere Informationen zum Thema finden Sie unter www.bildungsstandards.de.

2 NCTM (http://standards.nctm.org/) wird wesentlich konkreter ("work flexibly with fractions, decimals, and percents to solve problems") und konkretisiert durch viele elementare Beispiele. (Seit mehr als 20 Jahren wird daran gearbeitet.)

3 in Bayern "Schulaufgaben"; siehe auch

www.ph-ludwigsburg.de/mathematik/personal/nestle/alternativen/kap1.htm#16

4 Für das Computerbetriebssystem LINUX hat ein einzelner den Anstoß gegeben; mit Hilfe von Tausenden freiwilliger open-source-Mitarbeiter ist daraus den Windowssystemen eine ebenbürtige, zum Teil sogar überlegene Konkurrenz erwachsen. Auf dem gleichen Weg kann ein Angebot von Bildungsstandards entstehen, das diesen Namen verdient - und Sie können dabei mithelfen.
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