Startseite Inhalt KMK-Standards BMBF Was sind Bildungsstandards
Stand 14.10.03; allen vielen Dank, die sich durch Rückmeldungen mit der letzten Fassung auseinandergesetzt haben.

Bildungsstandards - die Vorstellungen der Frösche

Bildungsstandard:
kein  Frosch, sondern eine Kröte
Bekanntlich sollte man nicht die Frösche fragen, wenn es darum geht, einen Sumpf trocken zu legen.

Durch TIMSS und PISA wurde offen gelegt, dass das deutsche Bildungswesen in manchen Bereichen Ähnlichkeit mit einem Sumpf hat.

Die zugehörigen Frösche sitzen in den Kultusministerien. (Ich bitte um Nachsicht für das Bild; es hat mir in der politischen Diskussion des vergangenen Jahrs gefallen und ich mag Frösche sehr.) 

Seit kurzem gibt es im Internet Zugriff auf  die Planungen der Frösche:


Die KMK hat mit Datum vom 3.7.03 unter

http://www.kmk.org/aktuell/pm030709.htm

eine Pressemeldung mit der Überschrift "Nationale Bildungsstandards: Konkrete Entwürfe liegen vor" eingestellt. Über diesen Einstieg erhält man Zugriff auf den aktuellen Stand der Arbeit. Als Ziel wird angegeben

"Die Einhaltung nationaler Bildungsstandards soll landesweit oder länderübergreifend durch entsprechende Tests und Vergleichsarbeiten überprüft werden."

Zu Details des Ansatzes der Experten der KMK für den mittleren Bildungsabschluß Mathematik finden Sie hier eine  Stellungnahme.

Vorab soll hier etwas zum Begriff des Standards ausgeführt werden. Unter http://www.kmk.org/aktuell/standard.htm findet man:

"Die Entwürfe beschreiben Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler in den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland bis zum Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache (Englisch/Französisch) erworben haben sollen. Die Standards orientieren sich an fachdidaktisch entwickelten und in der Schulpraxis bewährten Kompetenzmodellen. Sie greifen einschlägige wissenschaftliche Expertisen zur Standardentwicklung auf. Es handelt sich dabei um Regelstandards, die durch Aufgabenbeispiele konkretisiert werden. Die Erarbeitung von nationalen Bildungsstandards ist ein weiterer wesentlicher Schritt zu einer dauerhaften, internationalen und professionellen Maßstäben entsprechenden Qualitätssicherung. Es ist geplant, die Eignung und Einhaltung der Standards durch eine wissenschaftliche Einrichtung überprüfen zu lassen."

Wir entnehmen der Textpassage, daß Beziehungen zwischen Kompetenzen und den Standards bestehen. Um konkreter zu werden, brauchen wir den Mut zur Lücke. Bei der Komplexität des Gesamtprozesses läßt sich die Kritik nur exemplarisch am Einzelbeispiel erörtern. Sonst lässt sich der Umfang der Lesbarkeit wegen nicht hinreichend beschränken.

In

http://www.kultusministerium.hessen.de/downloads/MatheGrund.pdf

finden wir einen ersten Schritt zur Konkretisierung dessen, was unter Standard verstanden werden soll:
 

Kompetenzbeschreibung Beispiel
"2.1.7 Umgang mit Zahlen, Symbolen und Zeichen,  insbesondere
- Lesen, Verstehen und Schreiben von Zahlen, Zeichen und mathematischen Darstellungen
..."
Verbale inhaltliche Beschreibung
(Aus "2.3 Verbindliche Fachbegriffe, Zeichen und Sprechweisen " )
"Fachbegriffe
- Vorgänger, Nachfolger
(- gerade und ungerade Zahl )
..."
Konkretisierung durch ein Beispiel
(Aus "III. Aufgabenbeispiele
3.1 Aufgabenbeispiele mit Betonung des grundlegenden mathematischen Wissens")
Aufgabenbeispiel zum Thema Vorgänger und Nachfolger:

"Aufgabe 2 Der Kilometerzähler eines Autos zeigt „110000“.
Welche Zahl zeigte er direkt davor an? Welche Zahl folgt als nächste? "

Alternative Ein (php-)Programm, das zufällig
- das Modell auswählt (Kilometerzähler, Stromzähler, digitale Wasseruhr, digitale Personenwaage, (digitale Armbanduhr), nur mit Zahlen, ...
- den Zahlenraum eingrenzt, um das Anforderungsniveau aufzuspalten,
- im eingegrenzten Zahlenraum mit oder ohne Vorgaben über besondere Zahlen (z.B. Stufenzahlen) eine Zufallszahl erzeugt,
- die festgelegten Angaben mit einem geeigneten Layout versieht und eine Eingabemöglichkeit bereitstellt,
- die Aufgabe im Internet anbietet und
- bei Bearbeitung eine Rückmeldung an den Lernenden zurückschickt.

Vergleicht man die Inhalte mit dem, was vor 50 Jahren erst Lehrplan, später dann Bildungsplan hieß, dann stellt man Fortschritte fest. Der hessische Irrweg der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts mit Tausenden von rein verbal formulierten "Lernzielen" ist aufgegeben worden. Die wichtigste Neuerung  sind Beispielaufgaben, mit denen die verbalen Beschreibungen verdeutlicht werden.

Damit ist schon nahezu das Niveau der Bildungspläne der Siebzigerjahre erreicht. Damals hätte man diese Kompetenz in der folgenden Form operationalisiert: " Der Lernende soll im Zahlenraum bis 1 000 000 auch in geeigneten Einkleidungen zu jeder natürlichen Zahl den Vorgänger und den Nachfolger angeben können."

Die Realisierung der Alternative wäre der längst fällige Schritt ins 21. Jahrhundert! Auch sollte man Einrichtungen wie das Tellekolleg, die Fernuni oder das Zertifikatssystem des Deutschen Volkshochschulverbands als alternative Lernformen nicht ignorieren.

Technische Probleme bei der Realisierung der Alternative für dieses Beispiel und den überwiegenden Teil dessen, was im Rahmen nationaler Bildungsstandards in allen Schulfächern und in weiteren Themengebieten in die Programmstruktur als Inhalt eingegeben werden müßte, gibt es nicht. Bis auf die Publikation im Internet und  die automatische Rückmeldung liegen die entsprechenden Vorarbeiten für weite Themenbereiche spätestens seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts vor. Ein Beispiel für eine analoge Publikation im Internet ist Ebay, die elektronische Versteigerungsbasis im Netz; strukturell ist das Ebay-Programm wesentlich aufwendiger. 

Die Hindernisse liegen an anderer Stelle:

Jede Art von Bildung ist ein Vorgang, der von vielen Parametern bestimmt wird. Entscheidende Parameter für die Nationalen Bildungsstandards der KMK sind mit folgenden Werten belegt:

 

Entscheidung Kritik Alternative
Die Kultusministerien treffen die Auswahl der Bildungsziele und legen die zu erreichenden Standards fest.  Die Adressaten der Bildungsbemühungen haben keine Wahlmöglichkeit. Wichtige Motivation wird verschenkt. 

Die Auswahl wird überwiegend aus der Vergangenheit begründet (oder gar nicht). 

Der Einfluß der Abnehmer der Bildung (Wirtschaft) auf die Auswahl ist gering.

Die Standards werden vage formuliert; Willkürentscheidungen sind bei der Anwendung nicht ausgeschlossen.


Die Wirtschaft als Abnehmer gibt Ziele vor.

Die Ziele sind nicht auf den überkommenen Schulstoff eingeengt. (Wirtschaft, Technik, Geld, Politik, ...)

Die Wirtschaft legt offen, welches Qualifikationsprofil für einen Arbeitsplatz vorausgesetzt wird.

Lernfähigkeit ist eine wichtige Qualifikation. 

Gelernt wird in altershomogenen Gruppen der Größe 12 bis 50. Die Unterschiede der Lernfähigkeit werden zu Lasten der Schwachen sowohl als auch der besonders Leistungsfähigen nicht berücksichtigt. Nivellierung auf Mittelmaß. Lerngruppen nach Lernstand (Montessori, Petersen, ...)
Die Gruppe lernt nach den Vorgaben des zufällig zugeteilten Lehrers. Dem Lehrer obliegt die Aufbereitung des Lernstoffs. Die Zugangsgerechtigkeit zur Bildung wird grob verletzt, weil die Fähigkeiten der einzelnen Lehrer in einem weiten Bereich streuen. Lernen aus Büchern und mit den modernen Medien wird dem Lernen in der Schulklasse gleichgestellt.
(Freiheit des Lernwegs; Ergebnissteuerung des Lernens an Stelle von Organisationssteuerung mit festen Lernzeiten)
Der Lehrerarbeitet überwiegend mit handwerklichen Methoden der vor-Gutenberg-Zeit. Schulbücher werden nur in geringem Maß als Lernmedien eingesetzt. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag entspricht dem der Landwirtschaft von vor zweihundert Jahren: Harte, bewunderswerte Arbeit, aber mit modernen Methoden geht es viel einfacher. Wie im Kasten darüber
Das Lernergebnis wird vom zufällig zugeteilten Lehrer nach willkürlich manipulierbaren Maßstäben bewertet.
Die Anforderungen werden vom einzelnen Lehrer festgelegt.
Es wird nicht bewußt gemacht, daß das Lernergebnis nicht nur vom jeweiligen Schüler abhängt, sondern oft in viel stärkerem Maß vom Lehrer. Die Willkür bei der Notengebung  für den Schüler erlaubt es, Mängel der Lehrerarbeit zuzudecken. Das Lernergebnis wird grundsätzlich nur anhand externer Kriterien festgestellt.
TIMSS und PISA sind bescheidene Anfänge.

Viele reden kompetent über Bildung, da sie ja alle einmal die Schule besucht haben.

Auch der Verfasser dieses Beitrags hat früher einmal die Schule besucht, wenn auch vielleicht etwas kürzer als der Durchschnitt: Ein Jahr hat der zweite Weltkrieg gefressen; auf das der Abitursklasse vorausgehende Schuljahr hat der Verfasser verzichtet. Deshalb war bei der Abitursprüfung noch nicht so verbraucht, und er hatte - 14 Tage Zusatzarbeit in den Sommerferien - keine Mühe, das jahrgangsbeste Abitur zu machen. Seither steht die Verbesserung des Lernens im Mittelpunkt seiner Arbeit als Lehrer, Hochschullehrer und Pensionär. 

Was als Alternative aufgezeigt wird, hat durchgehend den Praxistest bestanden - trotz einer Schulorganisation, die einer individuelle Entwicklung der Lernkompetenz der Schule wenig förderlich ist. Lesen Sie dazu mehr.



Die Frösche kümmern sich nicht um das, was unter dem Teichboden liegt, und nur wenig um den Luftraum unmittelbar darüber. Ihr Leben hängt vom Sumpf ab. In ihrer flachen Welt fehlen Anreize, neue Dimensionen zu erschließen. 

Sollen wir wirklich auf Dauer die Organisation des Lernens den Fröschen überlassen?