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Stand 20.12.03; allen vielen Dank, die sich durch Rückmeldungen mit der letzten Fassung auseinandergesetzt haben.

11.11. 11.11 Uhr im Jahr 2002
Computer und die Bildung aus dem Tante-Emma-Laden
In meiner Kindheit habe ich oftmals den Bedarf für unsere neunköpfige Hausgemeinschaft im Tante-Emma-Laden eingekauft und nach Hause geschleppt oder mit dem Handwagen heimgefahren. Es gab Fässer mit Sauerkraut, Schweineschmalz, ... und Säcke mit Zucker, Linsen, ... . Unsere Einkaufswünsche mußten sich dem Angebot unterordnen. Oft wurde sehr knapp gewogen. Einkaufen bei der Konkurrenz verbot sich im Normalfall wegen der weiten Wege und wegen des sozialen Drucks, der von der Ladeninhaberin ausgeübt wurde, wenn sie von einem Fremdgang erfuhr. Erst viel später habe ich Tante-Emma-Läden kennengelernt, in denen einzukaufen Begeisterung wecken konnte.

Die Schule für die heutigen Kinder funktioniert heute noch so wie der Tante-Emma-Laden meiner Kindheit - fast überall. Der durchschnittliche Lehrer teilt Portionen des Wissens aus, das er einmal während seiner Ausbildung aufgenommen hat. Lernbedürfnisse der Kinder haben keinen überragenden Stellenwert. Jedes Kind kennt die Repressionsmöglichkeiten, die vom Notenbüchlein ausgehen, und weiß, daß es dem Lehrer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Glücklicherweise lernen die meisten Kinder während der Schulzeit in der Regel auch solche Lehrer kennen, die Begeisterung auslösen und zu eigenen Anstrengungen motivieren. 

Dieses Bild der normalen Schule ist traurig, aber dank PISA darf man heute wenigstens darüber reden, ohne Repression zu erfahren. . 

Bei Tante-Emma-Bildung sind Computer tatsächlich sinnlos. Es ist ohne jede Bedeutung, ob solche Schulen "am Netz" sind oder nicht. 

Der Lebensmitteleinkauf hat sich in der Zwischenzeit gewandelt. Die Auswahlmöglichkeiten sind so groß, daß man sich manchmal schon einen Einkaufsberater wünscht. Einkaufen macht sogar Spass!

Auch Lernen könnte Spass machen, wenn die heutigen Möglichkeiten ausgeschöpft würden. Friebe schreibt "Die neuen Medien leisten einen besonderen Beitrag zu einer neuen Lehr- und Lernkultur." und fährt dann fort mit einer Schilderung all der Vorteile, die ein solches Lernen bieten könnte. Leider schweigt er über den wichtigsten Schritt: Die Kontrolle der Lernergebnisse.

Im Supermarkt sichern Normung und Verbraucherschutz, daß in einer Packung auch das drin ist, was drauf steht. Die Note "1" in Mathematik ist dagegen ohne jeden Aussagewert, sei es am Ende des Schuljahrs, sei es im Abitur. Lehrer "produzieren" in Deutschland ohne externe Qualitätsnormen; sie können die Noten fast nach Belieben manipulieren und machen davon in großem Umfang Gebrauch. 

Über den Verbraucherschutz für Schüler - Bildungsstandards - sollte man nicht nur reden; man sollte ihn endlich einrichten. Finnen erzählen mir, daß finnische Schüler ihre Lernleistung auch dann anerkannt bekommen, wenn sie sich ihr Wissen oder ihr Können außerhalb der Schule angeeignet haben. Sobald der Schüler "seine eigene Leistung ergebnisorientiert kontrollieren kann" (Nochmals Friebe), kann er nach seinen eigenen Lernbedürfnissen lernen. Das kann überraschende Folgen haben: Es wird dann Schülerinnen und Schüler geben, die die Abitursnormen schon im Alter von 16, 15 oder gar 14 Jahren erfüllen - wie es vor hundert Jahren noch normal war. 

Die reale Schule ist auf dem Stand der Tante-Emma-Bildung bis heute stehen geblieben und braucht keine Computer. Die Tätigkeit des Lehrers enspricht in vielem der des Heizers auf der Diesellok, der bis vor kurzem in England auf Gewerkschaftsdruck mitfahren mußte. Wie viel lernen die Kinder heute noch in der Schule, wie viel außerhalb?

Computer und Internet erlauben Lernen unabhängig von der Schule, effektiver, billiger, vielseitiger, interessanter und motivierender. Wir können die Zukunft nur sichern, wenn wir die Kinder in dem Alter schon frei lernen lassen, in dem sie das selbst dringend wollen. Beratung ist dabei hilfreich. Dazu brauchen wir aber Lehrer, in deren Selbstverständnis Beratung die wichtigste Rolle spielt. Die heute Lehrerbildung legt vor allem auf Fachkenntnisse und eine nicht immer kindrelevante Erziehungswissenschaft Wert. Sollte man hier nicht etwas ändern?
 

Ausgewählte Beiträge des Verfassers zum Thema:

1968
1972
1986
2000
2002  ff ist erschlossen und wird ständig aktualisiert über diese Verknüpfung.
 
 

Den vorstehenden Aufsatz finden Sie nach wenigen Berichtigungen unter http://www.privatforum.de/cgi-bin/boards/3594/board.cgi?read=93; von dort aus können Sie sich selbst an der Diskussion beteiligen oder den Verfasser per Email kontaktieren.


Elschenbroich berichtet über Sinn und Unsinn des Computers im Unterricht und schreibt am 28.4.03 (http://www.privatforum.de/cgi-bin/boards/3594/board.cgi?)

"Welche der bisherigen Ansätze und Beispiele tragfähig und richtungweisend sind und was zu vermeiden ist, bedarf gründlicher, über qualitative Fallstudien hinausreichender Untersuchungen. Dies dient nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern ist unerlässlich die gesellschaftliche Akzeptanz des schulischen Computereinsatzes, für die Ausrichtung von Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung und für die Lehr-/Lernmedienentwicklung der Verlage."
Vielleicht hat Elschenbroich Recht; vielleicht wäre indessen wichtiger, alternativen Lernoptionen Raum zu gewähren, bei denen extern, außerhalb der Schulverwaltung definierte Bildungsziele auf selbstorganisierten Lernwegen erreicht werden dürfen. Dazu bedarf es einer Verschiebung Lehrerrolle: Der Lehrer als Lernhelfer und Lernberater ist kaum zu ersetzen; der Lehrer als veralteter und überteuerter Informationsspeicher kostet die Gesellschaft viel mehr Geld als er ihr bringt. Ob das Eingang in die Lehrerbildung findet?