Arbeitsfassung vom 8.8.04
Princeton und Äpfel
ein Beitrag zum Thema Noteninflation

Princeton hat ein Problem - und die Lösung gleich dazu: Das Qualitätsproblem wird durch die statistische Vorgabe gelöst, daß vom kommenden Herbst an "nur noch" 35 % der Teilnehmer an Grundkursen die Bestnote erhalten dürfen. Vergleichen Sie mit meinen Äpfeln:
 

Auch ich habe ein Problem und seine Lösung: Die Früchte meines Apfelbaums.

Darf ich hier 35 % für sehr gut erklären?

Die neue Princeton-Lösung: 35 % sind sehr gut!
- oder stimmt die Selektion rechts besser mit der Wirklichkeit überein?


Die Obstbauern am Bodensee lösen das Qualitätsproblem anders: Schon in einem frühen Stadium pflegen sie die Früchte, von deren Verkauf sie leben. Sie selektieren nicht nach statitistischen Kriterien, sondern sie beeinflussen den Produktionsprozess von der ersten Stunde jedes Jahrgangs an - und sie gehen von objektiven Qualitätsmaßstäben aus. Bodenseeäpfel sehen dann so aus:

Bodenseeäpfel: Einer wie der andere ist individuell; alle erfüllen eine Qualitätsnorm.

Das heißt:

  • Die "Bildungsstandards" beim Obstbau sind überprüfbar.
  • Die Obstbauern konzentrieren ihre Anstrengungen auf die Optimierung  des Wachstums und nicht auf fragwürdige Selektionskritierien. Sie vermeiden schon im Ansatz die Entstehung von Abfall, und sie vermeiden den Etikettenschwindel, Abfall nach statistischen Kriterien für sehr gut zu erklären.

Kinder sind keine Äpfel; sie entwickeln sich nicht nach Standardprozessen. "Abfall" darf es keinen geben.

Äpfel wollen nicht schön werden, aber Kinder wollen etwas leisten. Kinder haben ihre eigene Intelligenz. Kinder wollen selbst überprüfen können, was sie leisten, und sie wollen ihre Leistungsfähigkeit so lange verbessern, bis sie mit dem Ergebnis selbst zufrieden sind. Beim Ballspielen klappt das. Beim Lesen, Schreiben und Rechnen fehlen Bildungsstandards, bei denen die Kinder sofort und zu jedem Zeitpunkt  Rückmeldungen erhalten - wie zum Beispiel bei Computerspielen. Um Kindern beim Erwerb der elementaren Kulturtechniken besser zu helfen als bisher, fehlt es ausschließlich am Willen, ihnen Maßstäbe zur Verfügung zu stellen, an denen sie sich ohne fremde Hilfe messen können.

Hier können Grundschulkinder überprüfen, ob sie das Einmaleins hinreichend beherrschen. (Beispiel für einen Bildungsstandard)
Hier können Grundschulkinder überprüfen, ob sie eine primitive Lesefähigkeit besitzen.
Hier können Sechzehnjährige überprüfen, ob sie die Aufgabe 14 der KMK-Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluß lösen können.

Während das erste Beispiel schon eine vollständige Konkretisierung eines Bildungsstandards beinhaltet, liefern die Beispiele 2 und 3 nur Elemente eines Bildungsstandards nach den Forderungen des Dortmunder Manifests. (Auf Deutsch: Es gibt noch keine Datenbank zur Zufallsauswahl von passenden Aufgaben.)

Könnte Princeton 100 Kinder die Einmaleinsübung bearbeiten lassen und den 35 besten - unabhängig vom Ergebnis - die Note "Sehr gut" für Einmaleinsbeherrschung zuweisen, auch wenn zum Beispiel nur 5 von 36 Antworten richtig sind? Oder ist Qualität doch etwas Greifbareres?